Schöns bitterer Abschied
Argentinien 1978: Waterloo in Cordoba

Weltmeister Franz Beckenbauer war in die neue US-Profiliga geflüchtet, und ohne ihn erlebte Titelverteidiger Deutschland sein Desaster. Helmut Schön wurde der Abschied als Bundestrainer durch die 2:3-Schmach gegen Österreich verdorben.

dpa HAMBURG. Zum strahlenden Sieger der WM wurde Mario Kempes, der mit dem Team des Gastgebers den Pokal holte und sich nach sechs Treffern die Torjägerkrone aufsetzen durfte. Danach ging er nach Spanien, konnte dort an seine Superform aber nie wieder anknüpfen. Für die Deutschen war es eine trostlose WM der Unentschieden, der torlosen dazu. "Was uns fehlte, waren Siege", so der Bundestrainer.

Im Eröffnungsspiel am 1. Juni, einem kalten Wintertag in Buenos Aires, setzte sich gegen Polen die Tradition der torlosen Auftakt- Partien zum vierten Mal nacheinander seit 1966 fort. Schön stellte um, brachte Dieter Müller, Bernard Dietz und Karl-Heinz Rummenigge für Rüdiger Abramczik, Erich Beer und Herbert Zimmermann. Das wirkte: Mexiko wurde 6:0 bezwungen. Doch der höchste deutsche WM-Sieg überhaupt sollte sich als Strohfeuer erweisen, denn gegen Tunesien folgte erneut eine 0:0-Blamage.

In der Finalrunde setzte sich die Serie der torlosen Remis fort. Als Erfolg durfte die Abwehrschlacht gegen die überlegenen Italiener verbucht werden. Die Hoffnung aufs Finale blieb. In der Neuauflage des 74er-Endspiels erzielten Rüdiger Abramczik und Dieter Müller die Tore gegen die Niederlande. Arie Haan und Rene van de Kerkhof glichen beide Male aus. Bei einem Sieg wäre Deutschland Tabellenführer der Gruppe A und die Tür zum Finale weit offen gewesen.

So aber musste gegen Österreich die Entscheidung fallen. Das Waterloo in Cordoba nahm seinen Lauf. Nach 90 rabenschwarzen Minuten und einer katastrophalen Abwehrleistung triumphierte Österreich mit 3:2 und feierte diesen Prestige-Erfolg wie die Weltmeisterschaft. Hans Krankl erzielte das entscheidende dritte Tor kurz vor Schluss. Für Bundestrainer Schön war das letzte Spiel eines der grausamsten - schlimmer war nur die 0:1-Niederlage gegen die DDR 1974 in Hamburg.

Erst am letzten Spieltag qualifizierte sich Argentinien durch ein 6:0 über Peru dank des besseren Torverhältnisses vor Brasilien für das Finale. Bestechungsvorwürfe machten die Runde, wurden aber nie bewiesen. Doch das Team von Cesar Luis Menotti wurde nach einem 3:1 über die Niederlande ein würdiger Weltmeister. Mit Offensiv-Fußball und einem frenetischen Publikum im Rücken holten die Gastgeber den Pokal - auch für die Militärs und Diktator Jorge Videla, der durch das sportliche Spektakel von Folter, Korruption und innenpolitischen Skandalen ablenken konnte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%