Schon achtmal unter den besten Vier
Deutschland: Vom Giganten zum Außenseiter

Sie sind dreimal Welt- und Europameister, nehmen zum 15. Mal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teil - doch erstmals gehört die deutsche Nationalmannschaft in Japan und Südkorea nicht zum Favoritenkreis.

sid MÜNCHEN. Der einstige Turnier-Gigant gilt trotz des jüngsten Aufwärtstrends international nur noch als Außenseiter. Der Viertelfinal-K.o. bei der WM 1998 in Frankreich und die desaströse Euro 2000 in Belgien und den Niederlanden mit dem blamablen Aus in der Vorrunde lassen grüßen. Entsprechend niedrig sind auch die Erwartungen an die DFB-Auswahl bei der WM 2002.

"Schon den Viertelfinaleinzug würde ich als Erfolg sehen", betont DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder immer wieder. Auch DFB-Teamchef Rudi Völler, der die deutsche Elf zuletzt wieder einigermaßen auf Kurs gebracht und über die Playoffs gegen die Ukraine nach Asien geführt hat, gibt die Runde der besten Acht als Zielsetzung aus.

So haben sich die Zeiten geändert. Das Finale sollte es doch bitte mindestens sein, lautete bei den vorherigen WM-Turnieren stets die Vorgabe. Alles andere wurde als nationale Fußball-Katastrophe gewertet. Wie auch das WM-Aus 1998 im Viertelfinale durch das 0:3 gegen Kroatien. Für den damaligen Bundestrainer Berti Vogts war es das Ende, auch wenn der offizielle Schlussstrich erst zwei Monate später gezogen worden war. Nur das Viertelfinale bei einer WM war mit dem deutschen Fußball-Selbstverständnis einfach nicht vereinbar. Immerhin ist nur Brasilien mit vier Titeln bei WM-Turnieren erfolgreicher als Deutschland.

Insgesamt standen die Deutschen schon achtmal unter den besten vier Teams, holten dreimal die WM-Krone (1954, 1974, 1990), waren dreimal Zweiter (1966, 1982, 1986) und zweimal Dritter (1934, 1970). Da galt noch der Spruch des Engländers Gary Linekers: "Gespielt wird mit zwei Mannschaften und einem Ball. Und am Ende gewinnen die Deutschen." Inzwischen verlieren die Deutschen öfter als ihnen lieb ist und lösen dadurch auch bei der Konkurrenz längst keine Angstzustände mehr aus. So ist es auch kaum verwunderlich, dass die Mannschaft von Rudi Völler bei Trainern und Experten kaum als Favorit auf den WM-Titel 2002 gehandelt wird. Immerhin gehört die DFB-Auswahl seit November 2000 nicht einmal mehr zu den "Top Ten" der Fifa-Weltrangliste.

Ein Sepp Herberger hat sich wahrscheinlich schon längst im Grabe umgedreht angesichts der deutschen Fußball-Misere. Hatte doch gerade er als Trainer der legendären WM-Mannschaft von 1954 gehörigen Anteil daran, dass Deutschland fortan als Fußball-Großmacht geachtet wurde. Unter dem Motto "Elf Freunde müsst ihr sein" machte Herberger mit seinem Team am 4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion das "Wunder von Bern" mit einem sensationellen 3: 2-Finalerfolg gegen Ungarn perfekt. In der Vorrunde hatten die Ungarn um Ferenc Puskas noch mit 8: 3 gegen die Deutschen triumphiert. Helmut Rahn schoss im Finale den entscheidenden Treffer. Für Deutschland war es neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs der erste große sportliche Erfolg, der einer ganzen Nation neues Selbstvertrauen einflößte - und der auch den WM-Mythos der Deutschen begründete.

20 Jahre später führte Bundestrainer Helmut Schön Franz Beckenbauer und Co. im eigenen Land zum zweiten WM-Triumph. Es war ein eher programmierter Titelgewinn. Das Siegtor zum 2:1 gegen die Niederlande in München erzielte Gerd Müller. Vergessen war in diesem Augenblick auch die 0:1-Vorrundenpleite im einzigen Duell mit der ehemaligen DDR. 1990 war erneut Beckenbauer der große Triumphator - diesmal allerdings als Teamchef. Seine Elf setzte sich in Rom mit 1:0 gegen Titelverteidiger Argentinien mit Superstar Diego Maradona durch. Andreas Brehme, inzwischen Teamchef beim Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern, hatte das Siegtor (85.) per Foulelfmeter erzielt.

Fußball-Geschichte hatte Deutschland jedoch nicht nur durch seine gewonnen Finalspiele geschrieben. So ging die Finalniederlage 1966 im Wembley-Stadion gegen England (2:4 n.V.), eingeleitet durch das berühmte "Wembley-Tor", ebenso in die Fußball-Historie ein wie die Halbfinalpleite 1970 in Mexiko gegen Italien. Das 3:4 n.V. gegen die "Squadra Azzurra" gilt noch jetzt als eines der besten und dramatischsten WM-Spiele überhaupt.

Es blieben jedoch auch andere, weniger erfreuliche WM-Spiele in Erinnerung. Das blamable 1:2 gegen Algerien 1982 beispielsweise und der darauffolgende "Nichtangriffspakt von Gijon" beim 1:0 gegen Österreich. Dieses Ergebnis reichte damals beiden Teams auf Kosten der Algerier zum Weiterkommen. Die DFB-Auswahl mogelte sich danach sogar noch bis ins Finale gegen Italien (1:3). Deutschland war 1982 eben noch eine Turniermannschaft. Ein Mythos, der sich anno 2002 längst überholt hat. Der einstige Turnier-Gigant ist längst zum soliden Mitläufer mutiert.

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