Schon im Mai wurden die historischen Kostüme ausgegeben
Das Schloss als Kulisse

Theater, Oper oder Mittelaltershow: Kulturfans fahren in diesen Tagen lieber aufs Land.

Eigentlich ist Herbert Kugler Lehrer. Doch in diesen Tagen trägt er eine Rüstung, 35 Kilo schwer und extra für ihn angepasst. "Da muss man Wärme ertragen können, aber das ist ja meine Rolle: die Demonstration von Stärke", schmunzelt er und nennt sich jetzt Stadtherr Georg von Frundsberg. Kugler ist Teil dessen, was das kleine Örtchen Mindelheim fiebern lässt: Zehn Tage lang spielen Groß und Klein ein schwäbisches Landstädtchen der Reformationszeit. Der Aufwand ist so enorm, dass sie das nur alle drei Jahre tun können. Dieses Jahr dauert das Frundsbergfest vom 27. Juni bis zum 6. Juli.

Schon im Mai wurden die historischen Kostüme ausgegeben, Pferdegespanne gemustert, Sättel und Schuhe probiert. Kuglers Landsknechte glänzen in bunten Uniformen; jedes Detail stimmt. Das gilt für den großen historischen Umzug und das historische Treiben der Gaukler und Handwerker. Eine Mittelaltershow, die ihresgleichen sucht. Ähnlich ist es im Sommer an vielen Orten, denen der Auswärtige schon mal großspurig die Berechtigung für eine Autobahnausfahrt absprechen will.

Kultur - mit diesem Pfund wuchern die Großstädte. Doch wenn das Wetter wärmer wird, läuft ihnen die Provinz den Rang ab im Wettstreit um Witz und Phantasie, in der Verbindung von prachtvoller Naturkulisse und geistreichen Sommerfreuden mit Musik, Theater und Tanz.

Den besonderen Reiz des historisch verbürgten Orts nutzen seit Jahren die Burgfestspiele von Jagsthausen in Württemberg (noch bis 24.8.): Goethes "Götz von Berlichingen" wird immer wieder neu inszeniert und mit anderen Schauspielern besetzt. "Das wird nie langweilig", meint Ulrike Schuhmacher, Betriebsleiterin aus dem nahe gelegenen Heimhausen, "es ist immer unkonventionell und witzig. Touristen wie Einheimische freuen sich über die herrlich lockere Atmosphäre." Mit Lessings "Nathan dem Weisen" und dem Musical "Ein Käfig voller Narren" wird das Programm abgerundet.

Tecklenburg im Münsterland steigt mit 2 300 Sitzplätzen auf seiner Burg konkurrenzlos groß ein (bis 31.8.): Auf dem Spielplan stehen "Die Fledermaus" und Lloyd- Webbers Bibel-Musical "Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat". Bürgermeister Wilfried Brönstrup wartet meist ungeduldig auf das Ende der Pause: "Das Schönste ist eigentlich immer der zweite Teil, wenn es dunkel wird und das Lichtspektakel beginnt. Da werden auch mal Vögel von den Scheinwerfern erwischt. Das macht die Atmosphäre noch aufregender."

Ähnlich wie der "Jedermann" in Salzburg haben die Freilichtspiele von Schwäbisch Hall (bis 17.8.) eine große Treppe zu bespielen, die keine anderen Kulissen erfordert. "Man kann das Raumgefühl kaum beschreiben", findet Hans Firnkorn, Geschäftsführer der Löwenbrauerei und Vizepräsident der IHK: "Die Zuschauer sitzen unten auf dem abschüssigen Marktplatz und müssen zur Bühne hinaufgucken. Oben thront die Kirche St. Michael. Und wenn erst Vollmond ist . . ." Das passt zu Umberto Ecos Klosterkrimi "Der Name der Rose", Schillers "Wilhelm Tell" und der Operette "Schwarzwaldmädel".

Zu den besonders romantischen Kulissen gehören Seen. Das ist ein Trumpf der Schweriner Schlossfestspiele. Agiert wird auf der Treppe des Museums in Sichtweite des Schweriner Sees und des Schlosses. Steffen Lindemann von der Staatskanzlei lädt gerne seine Freunde dazu ein: "Segeln, shoppen und ein veritabler Opernabend inmitten dieses historischen Gebäude-Ensembles, das ist doch das perfekte Wochenende." Noch bis zum 20. Juli geht der Vorhang auf für Verdis "Don Carlos". Im malerischen Schlossinnenhof wird im August Calderóns "Großes Welttheater" gegeben.

Das Rheingauer Musikfestival (bis 30.8.) umfasst dagegen an über 40 so romantischen wie ungewöhnlichen Spielorten 143 Konzerte: mal jazzig, mal klassisch. "Die Stimmung ist zündend, ja dramatisch gut", erzählt Jazz-Fan Ingrid Buchelt-Stark aus Eltville, "dazu tragen natürlich auch die Locations und der Wein bei."

Freunde von Herbie Hancock werden zum Schloss Johannisberg pilgern, die der attraktiven Kanadierin Diana Krall in den Wiesbadener Kurpark. Ein Geheimtipp ist Petra Lamys Piaf-Abend auf der Seebühne von Schloss Vollrads.

Den ungewöhnlichsten Theaterort überhaupt hat die brandenburgische Stiftung Schloss Neuhardenberg im vergangenen Jahr in ihrer Nachbarschaft aufgetan: Der stillgelegte Flugplatz der DDR-Streitkräfte wurde zur Bühne für Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" mit Starschauspieler Martin Wuttke vor dem im Hangar sitzenden Publikum.

Der amerikanische Literaturprofessor Richard Exner war sprachlos: "Als wir uns gegen Mücken eingesprüht hatten, fuhr am Horizont ein alter Straßenkreuzer mit Musik in Brüllstärke vorbei. Ich konnte erst gar nicht glauben, dass der dazugehört. Ein starker Abend, ganz unglaublich."

Die "seltsame Arbeitserfahrung" auf dem Flugplatz will Wuttke in diesem Jahr fortsetzen: mit einer Inszenierung der griechischen Tragödie "Die Perser", in der Aischylos vom Untergang der persischen Flotte berichtet (22. bis 24.8.).

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