Schreiben als Alarmsignal
Assia Djebar mit Friedenspreis ausgezeichnet

Mit einer ebenso politischen wie persönlichen Rede hat die diesjährige Friedenspreisträgerin Assia Djebar am Sonntag das Publikum in der Frankfurter Paulskirche in ihren Bann gezogen.

dpa FRANKFURT/M. 1 000 Ehrengäste, darunter Bundespräsident Johannes Rau und die Minister Hans Eichel, Rudolf Scharping und Michael Naumann (alle SPD), verfolgten die Übergabe des mit 25 000 dotierten Preises des Deutschen Buchhandels, die alljährlich den Höhepunkt der Buchmesse bildet. Die sichtlich bewegte Schrifstellerin aus Algerien widmete den Preis drei in den 90er Jahren ermordeten algerischen Autoren und dem 1989 gestorbenen Dichter Kateb Yacine.



Beitrag zu neuem Selbstbewusstsein der arabischen Frauen

Die 64-jährige Djebar, die unter anderem die Romane "Weißes Algerien" und "Die Zweifelnde" schrieb, ist die zweite Friedenspreisträgerin aus Afrika. Sie hat nach Ansicht der Friedenspreis-Jury "mit ihrem Werk ein Zeichen der Hoffnung für die demokratische Erneuerung Algeriens, für den inneren Frieden in ihrer Heimat und für die Verständigung zwischen den Kulturen gesetzt". Die in Frankreich und den USA lebende Djebar habe, "den vielfältigen Wurzeln ihrer Kultur verpflichtet, einen wichtigen Beitrag zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der arabischen Welt geleistet".

Die von Djebar vorgeschlagene Laudatorin, die österreichische Autorin Barbara Frischmuth, gratulierte der Preisträgerin "aufs Schwesterlichste" und nannte Djebars Gesamtwerk "unverzichtbar". Die Arbeit der "Frau, Dichterin, Historikerin, Filmemacherin, Schriftstellerin und Intellektuellen" Djebar sei von einem "unbändigen Drang nach der Freiheit des Wortes und der Freiheit des Blicks" bestimmt.



Schreiben als Alarmsignal

Djebar verfolgte mit mancher Träne im Auge die Ansprachen. In ihrer Dankesrede unterstrich sie die Notwendigkeit des Erinnerns sowie des Aufbegehrens der Frau beim Streben nach Frieden und Unabhängigkeit. Sie habe in ihren Büchern beschrieben, wie seit den 80er Jahren die "bleierne Stummheit der algerischen Frauen" wieder zurückkehre. Schreiben sei ein "Alarmsignal", Zwiesprache mit den Opfern der Gewalt, "und solange man selbst lebt, durchströmt einen das Bedürfnis zu erzählen als einziger Antrieb". Djebar äußerte die Hoffnung, dass die algerischen Frauen "durch ihre Leiden und durch ihre Rede der Wahrheit" das Land aus der Herrschaft der Gewalt befreien und einen "Frieden der Gerechtigkeit und gegen das Vergessen" erreichen werden.

Frischmuth sagte in ihrer Laudatio, Djebar klage und polemisiere nicht literarisch. Vielmehr erzähle sie beispielsweise in ihrem Roman "Weißes Algerien" so akribisch von den letzten Augenblicken ihrer getöteten Freunde, dass es ihr auf diese Weise gelinge, "die ganze Ungeheuerlichkeit des Krieges, der in Algerien täglich aufs Neue ausgetragen wurde und zum Teil noch wird, so vor Augen zu führen, dass diese vor Schreck sich weiten". Djebar habe sich "rückhaltlos dem Erinnern als Disziplin verschrieben".

Dem Missbrauch auf der Spur



Zudem verbindet Djebar nach Frischmuths Ansicht die Sprache der Berber sowie Französisch und Arabisch mit der "vierten Sprache" der jungen Frauen und Mädchen, der "Sprache des weiblichen Körpers, der verhüllt, umwickelt und eingeschnürt worden war". Djebar hat in ihrer Literatur nach Frischmuths Worten die "Spur des Missbrauchs" verfolgt - "des gesellschaftlichen, patristisch argumentierenden Missbrauchs des Weiblichen, des Missbrauchs des Religiösen als politischer Kategorie, vor allem aber des Missbrauchs der Sprache".

Nach den Worten des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Roland Ulmer, gab Djebar "den Gefolterten und Ermordeten Algeriens ihre Stimme", auf die die Welt höre. Der Friedenspreis sei ihr zuerkannt worden, "weil sie eine mutige Frau ist", sagte Ulmer. "Weil sie ihre Wut über Terror und Gewalt, wie sie jahrelang in Algerien geherrscht haben, laut werden lässt wie einen Schrei um Hilfe. Weil sie an die Kraft des Wortes und der Sprache und an die Macht der Dichter glaubt."

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