Schreiner vs. Schröder
Zwei rote Karrieren

Es gibt Leute, die behaupten, irgendwie habe die Geschichte dieses Bundeskanzlers im September 1983 angefangen, in einer kleinen, engen Bonner Kneipe namens Provinz. Hier, gegenüber dem Kanzleramt, trafen sich Gerhard Schröder und Joschka Fischer, Otto Schily und noch ein paar andere. Man trank und beschrieb Bierdeckel mit Kabinettslisten: Schröder stand drauf und Fischer und Schily. Was man so macht, wenn man fern der Macht ist.

BERLIN. Wer aber wissen will, warum der Kanzler Schröder und seine SPD so geworden sind, dass beider Macht im Streit um die Agenda 2010 des Bundeskanzlers auf dem Spiel steht, der muss noch ein paar Jahre weiter zurückgehen: in die Jahre 1977 und 1978 oder besser noch ins Berlin des Jahres 1969, nach Dahlem, Platz der feinsten Villen und der Freien Universität. Dahin zog ein kleiner, schlanker dunkelhaariger Mann mit einem saarländisch schleppenden Dialekt und fand im Studentenwohnheim bald Kontakt mit den revolutionären Freizeit-Fußballern von "Roter Stern Dahlem".

Ottmar Schreiner hieß er und war glücklich, seiner, wie er fand, "sehr engen und sehr autoritären", stockkatholischen Heimat entkommen zu sein. Jetzt lebte er in Berlin und hörte die Studentenführer, die er bewunderte, weil sie keine Angst vor Autoritäten kannten. Willy Brandt war sein Held in dieser Zeit, und als der dazu aufrief, in die SPD einzutreten, da fand Ottmar Schreiner gleich, das sei der richtige Schritt für ihn. Den Ortsvereinsvorstand Klaus Uwe Benneter kannte er schon von "Roter Stern Dahlem", und Benni keilte gerne Nachwuchs, vor allem wenn der so gut Fußball spielte wie Schreiner.

Man traf sich zum Aufnahmegespräch im gutbürgerlichen Landhaus Dahlem, in dessen Nebenzimmer allerdings schon der Sozialismus regierte. "Bist du ein Linker, oder bist du ein Rechter?" fragte Benni den Ottmar dort und führte aus, als Rechter könne er sicher irgendwo in Berlin der SPD beitreten, aber nicht hier in Dahlem. "Wir nehmen nur Linke." Schreiner antwortete, wie er sich erinnert, "wie aus der Pistole geschossen: ,Linker?." Er wollte nicht umziehen und sein schönes Zimmer am U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim aufgeben.

Zu dieser Zeit ist ein paar Hundert Kilometer weiter westlich in Göttingen ein ebenfalls Fußball spielender junger Mann schon in den Juso-Vorstand gerückt. Auch er studiert Jura, auch er kommt aus kleinen Verhältnissen und beschäftigt sich bald gleichzeitig mit seiner Karriere und der Revolution. Er heißt Gerhard Schröder. Im Laufe der Jahre treffen sich die beiden Juso-Funktionäre immer häufiger, bis es 1978 zum ersten großen Duell kommt. In Hofheim bei Frankfurt treten beide um den Juso-Vorsitz an, der vakant geworden war, weil der zeitweilige Chef Benneter inzwischen von der SPD aus der Partei herausgeworfen worden war, weil er mit den Kommunisten zu gut konnte.

Schreiner ist der Kandidat der SPD-Spitze, er gehört den Reformisten an und ist vergangenes Jahr im Kampf um den Vorsitz nur knapp an Benneter gescheitert. Schröder kämpft während des dreitägigen Kongresses darum, die beiden linken Strömungen der Jusos hinter sich zu bringen, die "Stamokaps" und die "Antirevisionisten". Sie glauben beide daran, dass der kapitalistische Staat sich nicht reformieren lasse, aber dank exzessiver marxistischer Analyse differieren die Begründungen leicht. Schröder gelingt es, die verfeindeten Lager hinter seiner Person zu versammeln. Er gewinnt im zweiten Wahlgang.

Dies ist der Beginn einer lebenslangen Politiker-Beziehung, deren jüngster Höhepunkt sich am Montagabend in Bonner Hotel Maritim ereignet. Gerhard Schröder ist inzwischen im fünften Jahr Kanzler, er trägt seine Hemden gestärkt und verbreitet mit Wohlbehagen eine Aura der Macht, dass er die Jusos im Saal zu wütenden Pfiffen reizt. Schröder hat seine Rede kaum beendet, da stürmt ein kleiner Mann mit Schnäuzer und grauen Strähnen im dunklen Haar das Podium; er schlängelt sich hinter Schröder vorbei, während dessen Miene versteinert und sein Kinn sich zum Felsbrocken ausbildet.

Es spricht Ottmar Schreiner, nein, er spricht nicht, er schießt Sätze gegen die Agenda 2010 in die erste Regionalkonferenz der SPD. "Breite Schultern müssen mehr tragen als schmale", zitiert er Willy Brandt, spricht von "Zynismus" und dass das Reformprogramm des Kanzlers nicht mehr, sondern weniger Beschäftigung bringen werde. Der Beifall ist lauter als bei Schröder, die Jusos schreien "Zugabe".

Ottmar Schreiner, Bundestagsabgeordneter, SPD-Vorstandsmitglied und Chef der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, führt heute die Koalition der Reformgegner an. Wenn man ihn fragt, ob sein Widerstand gegen Schröders Reform eine Frucht der Vergangenheit sei, sagt er: "Diese Art von persönlichem Revanchedenken ist mir fremd."

Tatsächlich lassen sich Lebenslinien nicht einfach so über 20, 30 Jahre durchziehen, als sei zwischenzeitlich nichts geschehen. Doch das Auffällige an den Biografien der beiden ehemaligen Jusos ist, dass sie sich im Laufe der Jahre immer wieder kreuzten, anzogen und abstießen. Und dass sie damit stellvertretend für eine ganze Generation von Politikern der SPD stehen: die, die jetzt die Macht hat. Sie sind um die 60, sie sammeln moderne Kunst, sie gehen gerne gut essen, sie reden nicht immer gut voneinander, sie fühlen sich immer noch sehr jung.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul gehört dazu, der Vorsitzende des "Lügenausschusses", Benneter, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Michael Müller, oder der parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Gerd Andres. Sie und viele andere entstammen den Jusos der 70er-Jahre, ihre politische Prägung kommt aus einer Zeit, als "aus Theorie- Machtkämpfe wurden" (Müller), so dass man zeitweise oft so miteinander verfeindet war, "dass es undenkbar wurde, ein Bier miteinander zu trinken" (Schreiner). "Was geblieben ist?" fragt Wolfgang Jüttner, damals Juso, heute SPD-Bezirkschef in Hannover, und antwortet: "Eine tiefe gegenseitige Reserviertheit."

Ende der 70er-Jahre münden die Biografien der linken Avantgarde in Parteikarrieren. "Ihr Jusos", ruft Schröder ironisch seinen pfeifenden Gegnern im Bonner Maritim zu: "Ich kenn? mich da aus, das ist die Eintrittskarte, Bundestagsabgeordneter und Bundeskanzler zu werden."

Schreiner und Schröder lösen 1980 das Ticket ins Bonner Parlament. Schröders Aufstieg von links unten nach rechts oben hat begonnen. Und während der bald nach Niedersachsen geht, um dort später tatsächlich Ministerpräsident zu werden, bleibt Schreiner in Bonn. Bald ist er anerkannt als einer der besten Redner im Bundestag, zum "König der Zwischenrufer" kürt ihn die "Bild"-Zeitung. Er ist Sozialpolitiker, wird 1997 einer der stellvertretenden Fraktionschefs. Sein politischer Standpunkt verändert sich nicht, so wird er in der SPD mit den Jahren vom Rechten zum Linken.

1993 will Schröder Kanzlerkandidat werden, doch Wieczorek-Zeul vermasselt ihm alle Chancen bei der Mitgliederbefragung, weil sie auch kandidiert; viele, darunter auch Schröder, meinen damals, sie tue das nur, weil sie mit ihm seit Juso-Tagen nicht kann. So gewinnt Rudolf Scharping, auch er einmal führender Juso.

Vier Jahre später versucht Schröder wieder, Kanzler zu werden; die Bundestagsfraktion inklusive Schreiner hat er inzwischen zum "Kartell der Mittelmäßigkeit" ernannt. Kurz bevor er die Niedersachsenwahl am 1. März 1998 gewinnt und damit Kanzlerkandidat wird, versuchen ihn ein paar Linke aus Bonn noch einmal per Positionspapier zu verhindern; es unterzeichnen unter anderem Müller und Schreiner. "Guck mal, Benni, die gleichen alten Verhältnisse, die gleichen alten Namen", sagt Schröder damals zu seinem Freund aus Juso-Tagen Benneter.

Oskar Lafontaine, 1998 noch Parteichef, macht Ottmar Schreiner nach der Bundestagswahl zu seinem Bundesgeschäftsführer: ein großes Amt, eine große Chance. Doch der Posten bleibt ihm wegen Lafontaines Rückzug kein Jahr; Schröder nimmt sich Franz Müntefering als Parteimanager.

Seitdem habe er nur zweimal im Bundestag reden dürfen, erzählt Schreiner. Nein, zu Schröder persönlich wolle er nichts sagen, "ich treten nicht nach". Sein Bonner Büro ist voller Papiere und herumliegender Zeitungen. Die zustimmende Post zu seiner Anti-Agenda-Rolle umfasse jetzt sechs Aktenordner, sagt er, so viel wie in den 23 Jahren zuvor als Abgeordneter nicht. "Jeder versucht, seine eigene Rolle zu finden. Ich habe es auf meine eigene Art gemacht."

Im gleichen fünften Stock im Abgeordnetenhaus Unter den Linden sitzt auch Benneter, ein bisschen aufgeräumter der Mensch und das Zimmer. Rechtsanwalt ist er geworden und Notar und jetzt auch noch Bundestagsabgeordneter. Er genießt es, er sagt über Schröder: "Wir haben schon immer auf gleicher Wellenlänge agiert." Ja, den Ottmar möge er schon, aber "wenn ich ihn reden höre, fühle ich mich 25 Jahre zurückversetzt".

Wolfgang Jüttner, der Ex-Juso, der heute SPD-Bezirkschef ist und niedersächsischer Landtagsabgeordneter, beklagt, dass die SPD seit langem nicht in der Lage sei, eine programmatische Debatte zu führen. Den Grund dafür kennt er auch. "Das Problem der SPD ist, dass die Enkelgeneration so stark ist. Es sitzen zu viele mit der gleichen Politiker-Biografie auf engstem Raum."

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