Archiv
Schröder geht, Merkel kommt

Als strenggläubiger Muslim hält sich der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan peinlich genau an die Gebote des Korans. Jetzt, im Fastenmonat Ramadan, verzichtet er zwischen Sonnenaufgang und -untergang auf alle leiblichen Genüsse.

Als strenggläubiger Muslim hält sich der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan peinlich genau an die Gebote des Korans. Jetzt, im Fastenmonat Ramadan, verzichtet er zwischen Sonnenaufgang und -untergang auf alle leiblichen Genüsse. Erst nach Einbruch der Dunkelheit nimmt er wieder Nahrung zu sich. An diesem Mittwoch kann Erdogan zum Fastenbrechen, dem traditionellen abendlichen Mahl, einen prominenten Gast begrüßen: Gerhard Schröder kommt aus Berlin eingeflogen, zum Abschiedbesuch. Tränen werden wohl nicht fließen, aber die Visite dürfte in melancholischer Stimmung stattfinden: Schröder geht, Merkel kommt - damit ist auch für die Türkei eine Ära zu Ende.

Mit Gerhard Schröder verliert Erdogan einen der engagiertesten und verlässlichsten Förderer der türkischen EU-Beitrittskandidatur. In Ankara und am Bosporus war der Kanzler ein oft und gern gesehener Gast. Nicht weniger als drei Doktorhüte türkischer Universitäten hat Schröder sich schon in der Türkei abgeholt. Obwohl der Kanzler und der türkische Premier ganz unterschiedliche Charaktere sind und nur über Dolmetscher kommunizieren können - Erdogan spricht keine Fremdsprache -, bezeichnen sich die beiden Männer als Freunde. Wenn Schröders Luftwaffen-Challenger am Donnerstagmorgen vom Flughafen Ankara-Esenboga zum Heimflug nach Berlin startet, wird der türkische Regierungschef der Maschine wohl noch etwas wehmütig hinterher sehen.

Wenn das nächste Mal eine Kanzlermaschine nach Ankara kommt, wird Angela Merkel aussteigen. Dass sich da eine politische oder gar persönliche Freundschaft entwickelt, ist nicht zu erwarten. Erstens hält Erdogan als glaubensstrenger Muslim sowieso Distanz zu fremden Frauen, und zu Merkel wohl besonders. Denn die hat sich in der Türkei als Erfinderin der "privilegierten Partnerschaft" in Verruf gebracht - ein Konzept, das Erdogan öffentlich als "unsittlichen Antrag" abqualifizierte, "so als ob sich der Bräutigam an die Hochzeitstafel setzt und der Braut sagt: ,Lass uns doch einfach gute Freunde bleiben'". Die "glücklichen Tage" in den türkisch-deutschen Beziehungen seien wohl "erst einmal vorüber", kommentierte heute die Turkish Daily News. Ein "Alptraum" sei Merkel aber für die Türkei nun auch wieder nicht, meint das Blatt. Schließlich sei ihr Wahlsieg alles andere als grandios ausgefal len. Türkische Kommentatoren führen das nicht zuletzt auf Merkels "Anti-Türkei-Kampagne" zurück, die nach hinten losgegangen sei. Erdogan würdigte die Stimmenverluste der Union sogar als "erfreuliches Ergebnis" und gratulierte nicht etwa Merkel zum Wahlausgang - sondern seinem Freund Schröder. Die Aussicht auf eine große Koalition in Berlin sorgt jetzt in Ankara für neue Erleichterung. In einem Regierungsbündnis mit der SPD sei Merkel "neutralisiert", meint der außenpolitische Kolumnist Sami Kohen.

Aber sorgenfrei ist man in Ankara nicht. Zwar liegt der EU-Beitritt, den die designierte Kanzlerin verhindern möchte, sowieso noch in weiter Ferne. Erleben werden ihn wohl weder Merkel noch Erdogan als aktive Politiker - sofern er überhaupt kommt. Aber die jetzt beginnenden Beitrittsverhandlungen sind voller Hürden und Klippen für die Türkei. Und da wird Erdogan seinen Fürsprecher Schröder sicher manches Mal schmerzlich vermissen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%