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Schröder oder Merkel?

Wer gewinnt denn nun?, fragte mich heute mein Zeitungshändler Jannis. Er meinte nicht Panathinaikos oder Olympiakos sondern: Schröder oder Merkel?


Wer gewinnt denn nun?, fragte mich heute mein Zeitungshändler Jannis. Er
meinte nicht Panathinaikos oder Olympiakos sondern: Schröder oder Merkel? Keine
deutsche Wahl hat bei den Griechen so viel Aufmerksamkeit gefunden wie diese.
Die griechischen Medien, die dem Ausland normalerweise wenig Interesse widmen,
berichteten in den vergangenen Wochen ausführlich über den deutschen Wahlkampf,
die Protagonisten und ihre Positionen.
Die deutsche Reformdebatte ist auch den Griechen nicht fremd. Zwischen 1981 und
2004 wurde das Land fast ununterbrochen von den Sozialisten regiert. Die seit
März vergangenen Jahres amtierende konservative Regierung steht nicht nur vor
horrenden Haushaltsdefiziten. Sie muss auch Jahrzehnte lang verschleppte
Reformen umsetzen im Arbeitsrecht, im öffentlichen Sektor, im Steuerrecht und
bei der Sozialversicherung. Das bedeutet harte Auseinandersetzungen mit den
griechischen Gewerkschaften, die allein an der Sicherung ihrer Besitzstände
interessiert scheinen. Der griechische Premier Karamanlis wagt diese Kraftprobe
zurzeit.
Eigentlich müsste er deshalb Angela Merkel beide Daumen drücken. Käme es in
Berlin zu einer Koalition der Unionsparteien mit der FDP, würde das den
griechischen Reformern Rückenwind geben. Aber wer weiß: vielleicht hofft
Karamanlis insgeheim auf ein Comeback von Gerhard Schröder und Joschka Fischer.
Einen Grund dazu hätte er: die Türkei.
Merkels Türkei-Politik passt der Athener Regierung nämlich überhaupt nicht ins
Konzept. Wie sein sozialistischer Amtsvorgänger Kostas Simitis setzt Karamanlis
auf die europäische Perspektive der Türkei. Noch Anfang 1996 gerieten die beiden
Erbfeinde Griechenland und Türkei im Streit um zwei unbewohnte Felseneilande
in der Ostägäis an den Rand eines Krieges. Seit fünf Jahren aber herrscht
Tauwetter in der Ägäis. Die Türken verbinden mit der Annäherung an Griechenland
die Hoffnung, ihrem Land den Weg in die EU ebnen zu können. Und die Griechen
setzen darauf, dass eine in den EU-Beitrittsprozess eingebundene Türkei ein
besserer, konzessionsbereiter, friedlicher Nachbar sein wird.
Merkels Strategie einer privilegierten Partnerschaft könnte dieses Kalkül
allerdings gegenstandslos machen. Zerplatzen die türkischen
Beitrittshoffnungen, würden in Ankara womöglich nationalistische und
islamisch-fundamentalistische Kräfte an Einfluss gewinnen. Das könnte das Ende
des griechisch-türkischen Annäherungsprozesses und eine neue Eiszeit in der
Ägäis bedeuten.
So sicher ist es deshalb nicht, wem Kostas Karamanlis am Sonntagabend die Daumen
drücken wird: Schröder oder Merkel? Die Wahl des griechischen Premiers bleibt
geheim.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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