Schröder tritt in Leipzig auf
Von der Redenschlacht zur Mai-Fete

Auf Grund von Sparmaßnahmen wird es dieses Jahr nur halb so viele Maikundgebungen der Gewerkschaften geben wie 2001. Doch aufgeben will der DGB den traditionellen Tag der Arbeit nicht. Mit Mai-Feten und Paraden nach Art der Love-Parade versucht er vor allem die Jugend wieder stärker zu erreichen.

pt BERLIN. Die Geburtsstunde des Tags der Arbeit schlug ausgerechnet im Land mit dem heute am stärksten deregulierten Arbeitsmarkt unter den Industrienationen, den USA. Einen von der Polizei blutig niedergeschlagenen Streik von Industriearbeitern in Chicago für den Acht-Stunden-Tag im Jahr 1886 nahm die "Zweite Sozialistische Internationale" zum Anlass, weltweit den 1. Mai zum Demonstrationstag der Arbeiter gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch das Kapital auszurufen. In Deutschland demonstrieren Gewerkschafter seit 1890 Jahr für Jahr.

Wäre der 1. Mai in vielen Ländern seither nicht zum staatlichen Feiertag gemacht worden - in Deutschland im Jahr 1933 durch die Nationalsozialisten - wer weiß, ob er heute überhaupt noch gefeiert würde. Denn der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der vor 100 Jahren noch eine beherrschende Rolle spielte, hat sich längst im pluralistischen Wertegefüge der modernen Industrienationen aufgelöst. Viele Arbeitnehmer sind selbst Kleinaktionäre. Aus der Arbeitergesellschaft ist eine Angestelltengesellschaft geworden, die in ihrer Mehrzahl keinen Sinn mehr darin sieht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Nach dem Kampf um die Wochenarbeitszeitverkürzung in den 80er-Jahre und dem Kampf um den Erhalt der Lohnfortzahlung Ende der 90er-Jahre fehlen überdies einigende gewerkschaftliche Zielsetzungen.

Gerade 500 000 Menschen nahmen denn auch im vergangenen Jahr an den Maikundgebungen teil. Die meisten zieht es statt zu den zentralen Kundgebungsplätzen, wenn das Wetter mitspielt, in die Naherholungsgebiete der Städte.

Dieses Jahr könnten es noch weniger werden. Das hat vor allem organisatorische Gründe. Um Geld zu sparen, haben die rund 150 DGB-Kreise sich zu 90 DGB-Regionen zusammengeschlossen. Damit dürfte es in diesem Jahr deutlich weniger Veranstaltungen geben. Mit 500 nur halb so viel wie 2001, meint der Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hans Jürgen Arlt. "Am Bedeutungswandel und wenn Sie so wollen auch Bedeutungsverlust des Tags der Arbeit gibt es doch gar nichts zu deuteln," räumt der Gewerkschaftssprecher freimütig ein.

Die Gewerkschaften haben längst auf diesen Wandel reagiert. An vielen Kundgebungsorten werden die Rednerlisten, auf denen auch prominente SPD-Politiker nicht fehlen, längst durch vor allem auf die Interessen von Jugendlichen zugeschnittene Kulturprogramme ergänzt.

Vom 1.-Mai-Protest zur Mai-Fete, diese Entwicklung spiegelt sich am deutlichsten in den Job-Paraden in Schwerin und Dortmund, die dieses Jahr zum zweiten Mal stattfinden. Die Ähnlichkeit in der Namensgebung mit der alljährlich Hunderttausende Jugendliche aus dem In- und Ausland anziehenden Berliner Love-Parade ist kein Zufall.

Mit 50 000 Teilnehmern war die Schweriner Job-Parade im vergangenen Jahr der Hit unter den Mai-Veranstaltungen. In bestem Jugend-Jargon wirbt der DGB in Nordrhein-Westfalen dieses Mal für die erste Wiederholung des vom Musiksender VIVA und dem Jugendradio EinsLife gesponserten Events in Dortmund. Es steht unter dem Motto "Move4Future". Auf der zentralen Kundgebung in Leipzig soll nach den Reden von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem scheidenden DGB-Chef Dieter Schulte die Girlie-Band "Die bösen Mädchen" die Stimmung auf dem Markt vor dem alten Rathaus wieder etwas heben.

Politisches Porzellan wird auf den Kundgebungen seit Jahren kaum noch zerschlagen. 2001 bot die Faulenzer-Äußerung von Kanzler Schröder zum Thema Arbeitslose noch Zündstoff. In diesem Jahr entziehen sich die Gewerkschaften geschickt dem innenpolitischen Hickhack im beginnenden Wahlkampf. "Globalisierung gerecht gestalten", heißt das Thema. Und die Forderungen der traditionellen Mai-Resolution des DGB nach weltweiten sozialen Mindeststandards, Verbot der Kinderarbeit und einer Neuordnung der weltweiten Finanzmärkte können getrost Parteipolitiker jeder Couleur unterschreiben.

Damit sind die Gewerkschaften allerdings auch weit von einer entschiedenen Parteinahme für die rot-grüne Bundesregierung entfernt. 1998 warben sie mit einer bundesweiten Aktion ("Deine Stimme für Arbeit und Gerechtigkeit") für den Machtwechsel. Dieses Mal beschränken sie sich darauf, sich Kritik etwa am zu sanften Umgang des Kanzlers mit der Wirtschaft oder der Steuererleichterungen zu Gunsten der Großindustrie zu verkneifen - und der Kanzler hilft ihnen dabei mit einem SPD-Wahlprogramm, dass alte sozialdemokratische Prinzipien wie die paritätische Finanzierung der Sozialkassen hochhält, die die Union aufheben will.

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