Schröder verkündet Sieger
Olympia-Spektakel mit unkalkulierbarem Ausgang

Begleitet von Hochspannung, Spekulationen und einer Affäre geht am Samstag in München die spektakulärste Wahl in der Geschichte des deutschen Sports über die Bühne. Millionen vor den Fernsehschirmen von ARD und ZDF und Hunderttausende vor TV- Videoleinwänden auf Straßen und Plätzen in den Bewerberstädten werden Augenzeuge sein, wenn das Nationale Olympische Komitee (NOK) den deutschen Kandidaten für die Spiele 2012 ermittelt.

HB/dpa MÜNCHEN. Die Entscheidung in dem olympischen Fünfkampf fällt in maximal vier K.o.-Runden zwischen Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Stuttgart. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird am Samstag zwischen 16.30 und 16.40 Uhr im Ballsaal des Münchner Hilton-Hotels die Siegerstadt und den Ausrichter der Segelregatten verkünden.

Der Ausgang der Wahl ist so unkalkulierbar, dass selbst Hamburg fürchten muss, bereits in der ersten Runde als stimmenschwächste Stadt auszuscheiden. Die NOK-Prüfungskommission hatte der Hansestadt die besten Voraussetzungen für die Veranstaltung des bedeutendsten Sportfestes bescheinigt vor Leipzig, Frankfurt, Düsseldorf und Stuttgart. Düsseldorf gilt als Favorit der Verbände, die mit ihren jeweils drei Kompaktstimmen die Mehrheit der von 73 persönlichen NOK- Mitgliedern zu vergebenden 137 Voten in die Waagschale werfen. Die vollkommene Unkalkulierbarkeit ergibt sich durch die Wanderbewegungen jener Stimmen, die durch das Ausscheiden von Kandidaten frei werden. Der Sieger benötigt die absolute Mehrheit der Außerordentlichen NOK- Mitgliederversammlung.

Nach dem gleichen Modus wird bereits am Samstagvormittag die Segel-Stadt ermittelt. Kiel und Rostock gelten als hohe Favoriten vor den Mitbewerbern Cuxhaven, Lübeck und Stralsund. Der deutsche Kandidat für die Spiele nach Athen (2004) und Peking (2008) wird in einen äußerst schweren internationalen Wettbewerb treten. Bereits national nominiert wurden New York und Madrid. Erwartet werden mindestens noch sechs weitere Kandidaten, darunter Paris und London.

Das Wahlspektakel ist in seiner öffentlichen Wirksamkeit nur zu vergleichen mit jener NOK-Vollversammlung, die im Frühjahr 1980 nach einem dramatischen Verlauf den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau durch die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland beschloss. Zur Abstimmung in München sind 200 Medienvertreter akkreditiert. Der Ballsaal mit seinen 550 Plätzen wird voll besetzt sein, neben Kanzler Schröder ist Innenminister Otto Schily prominentester Ehrengast.

Die fünf Olympia-Bewerber haben in die rund einjährige Wahlkampagne etwa 45 Mill. ? investiert. Vor der elektronisch vorgenommenen Wahl können die Kandidaten in einer 15-minütigen Vorstellung zum letzten Mal um Stimmen werben. Der Präsentation wird eine große Bedeutung beigemessen. Jedoch war einen Tag vor der Entscheidung die Sorge der NOK-Spitze groß, dass Funktionärs-Gekungel sowie regionale und fachspezifische Erwägungen den Ausschlag geben könnten und nicht die internationale Qualifikation der Wettbewerber.

So hatte der einflussreiche DSB-Vizepräsident und Düsseldorf- Verfechter Ulrich Feldhoff (Oberhausen) der "Zeit" gesagt, dass schon am Abend vor der Wahl "Abstimmungsgespräche stattfinden, um mit deutlicher Mehrheit zu einem Kandidaten zu kommen". Feldhoff, der als Verantwortlicher für den deutschen Leistungssport als Gutachter für die den Verbänden vom zufließenden Bundesmittel wirkt, bestreitet diese Aussage. Er wurde am Freitag von der Wochenzeitung unter Hinweis auf ein Tonbandprotokoll zur Unterlassung dieser Behauptung aufgefordert.

Für NOK-Präsident Klaus Steinbach ist die entscheidende Frage, "welche Stadt unter Berücksichtigung aller Informationen, Eindrücke und Emotionen die größte Chance auf internationaler Ebene hat". NOK- Vorstand und DSB-Präsident Manfred von Richthofen sagte: "Wenn man große Ziele hat, sind regionale und sportartenspezifische Gesichtspunkte zweitrangig." Anderenfalls bestünde in München die Gefahr, "einen Rohrkrepierer zu produzieren". NOK-Vorstand und IOC - Vizepräsident Thomas Bach meinte, "der sensationelle Erfolg des bisherigen Bewerbungsverfahrens, der dem deutschen Sport einen riesigen Schub gebracht hat, sollte durch eine falsche Wahl nicht gefährdet werden". Die internationalen Kriterien seien bekannt.

Steinbach war von IOC-Präsident Jacques Rogge selbst darauf hingewiesen worden, dass seine Organisation besonders auf die Kompaktheit eines Kandidaten Wert lege. IOC-Vorstandsmitglied Denis Oswald hatte in dieser Woche im "Spiegel" präzisiert: "Wir wollen kompakte Spiele. Wenn man sich in Wahrheit mit einer Region bewirbt, muss man womöglich skeptisch sein. Wegen der gewachsenen Anforderungen hat eine Stadt mit weniger als einer Million Einwohner keine Chance."

Unter diesen Voraussetzungen hätte, entsprechend dem NOK- Prüfungsberichts, Hamburg mit seiner City-Bewerbung am Wasser die beste internationale Chance. Frankfurt könnte eine Alternative sein, und auch Leipzig und Stuttgart wären Düsseldorf vorzuziehen. Die NRW- Hauptstadt bildet in einem möglichen Duell der Konzepte den Gegenpol. Ein Sieger Düsseldorf liefe mit seiner Flächenbewerbung unter Einbeziehung von zwölf NRW-Städten Gefahr, bereits in der IOC - Vorentscheidung zu scheitern und damit überhaupt nicht als Kandidat für die Endausscheidung am 6. Juli 2005 in Singapur akzeptiert zu werden.

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