Schröder wirft Stoiber Inkompetenz und Unanständigkeit vor – Mehrere Investoren bekunden Interesse an Einstieg
Banken verordnen Kirch Radikalkur

Jetzt ist es amtlich: Kirch Media ist insolvent. Doch zugleich sind die Chancen gestiegen, dass das Medien- imperium im Kern erhalten werden kann. Doch dazu ist frisches Geld erforderlich.

HB MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Die wichtigsten Gläubigerbanken wollen die Zerschlagung des insolventen Kirch-Konzerns mit aller Macht verhindern. Die Kirch Media, in der das Kerngeschäft des verschachtelten Konzerns gebündelt ist, hatte am Montag beim Amtsgericht München "Insolvenz in Eigenverwaltung" beantragt. Die Schulden der Kirch Media, in der das Film- und Sportrechtegeschäft sowie die Beteiligung am Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1gebündelt sind, sollen 1,4 Mrd. Euro betragen. Auf dem gesamten Kirch-Konzern lasten Verbindlichkeiten von gut 6,5 Mrd. Euro. Ungewiss bleibt die Zukunft von Gründer Leo Kirch, der sein Medienimperium nach dem Zweiten Weltkrieg aufbaute.

"Das ist kein Endpunkt, sondern ein Wendepunkt" für einen weltweit bedeutenden Medienkonzern, sagte Commerzbank-Vorstand Wolfgang Hartmann als Sprecher der wichtigsten Gläubigerbanken. Er machte deutlich, dass wesentliche Teile des Unternehmens erhalten bleiben sollen. Ein dafür zentrales Instrument ist die "Insolvenz in Eigenverwaltung", die dem Unternehmen das Tagesgeschäft weiterhin überlässt. Die Banken stellen schnelle Kredithilfen in Aussicht. Der kurzfristige Finanzbedarf soll sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen.

Als Zeichen des Neuanfangs wurden für Kirch Media zwei neue Geschäftsführer bestellt, es sind die Insolvenzexperten Wolfgang van Betteray und Hans-Joachim Ziems, die Kirch bereits im Februar als Sanierer ins Haus geholt hatte.

Mit dem Insolvenzantrag gewinnt der Kirch-Konzern Luft im Überlebenskampf. Denn das neue Insolvenzrecht gewährt nicht nur Gläubigerschutz. Dadurch verfallen auch die Rückkaufsverpflichtungen, die Kirch dem Axel-Springer-Konzern eingeräumt hatte. Die Ankündigung von Springer-Chef Matthias Döpfner, sein Verlag fordere für seine Beteiligung am TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 rund 770 Mill. Euro von Kirch zurück, hatte Ende Januar die akute Finanzkrise Kirchs ausgelöst.

Zudem kann die neue Geschäftsführung jetzt sämtliche Verträge mit den großen US-Filmstudios sowie für die Übertragungsrechte am Bundesliga-Fußball neu verhandeln. Van Betterays sieht durch den Insolvenzantrag erhebliche Belastungen beseitigt. Zudem ergebe sich die Chance einer Neuordnung im Gesellschafterkreis. Nach Ansicht der Geschäftsführer braucht die Gesellschaft 800 Mill. Euro frisches Kapital, um wieder auf die Beine zu kommen. Man sei hier sowohl zu einer nationalen wie einer internationalen Lösung bereit.

An einen größeren Einfluss der Medien-Multis Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi knüpfen sich hier zu Lande jedoch erhebliche Bedenken. Als möglicher nationaler Investor gilt vor allem der Springer-Verlag. Aus dem Umfeld des Konzernchefs Döpfner hieß es, man schließe nicht aus, Kapital in die Auffanggesellschaft einzubringen.

Die Kirch-Pleite dürfte auch im Bundestags-Wahlkampf eine erhebliche Rolle spielen. So nahm Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Insolvenzantrag gestern zum Anlass, den Unions-Kanzlerkandidaten und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) persönlich scharf anzugreifen. Er habe "Inkompetenz" und "menschliche Unanständigkeit" gezeigt. Stoiber verteidigte die Medienpolitik seiner Regierung. Die Investitionen der Kirch-Gruppe seien der wichtigste Magnet für die Entwicklung Münchens zum führenden Medienstandort mit mehr als 100 000 Arbeitsplätzen geworden.

Wie schwierig die von den Banken angestrebte Rettung der Kirch-Gruppe wird, beweist die Verwirrung um die Konzernsparte Kirch-Pay-TV. Kaum hatte Sanierer van Betteray angekündigt, dass nach der Kirch Media auch Kirch- Pay-TV Insolvenzantrag stellen werde, dementierte dies die betroffene Gesellschaft. Man sei noch in Gesprächen mit einem möglichen Investor, bei dem es sich wohl nur um den Medienzar Rupert Murdoch handeln kann.

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