Schröder zufrieden
Geteiltes Echo der Experten auf Zinssenkung

Die deutliche Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist bei den führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten auf ein geteiltes Echo gestoßen. DIW-Chef Klaus Zimmermann begrüßte den Schritt vom Donnerstag und sagte Reuters, er sehe noch Spielraum für weitere Senkungen. Dagegen sagte IfW-Konjunkturchef Joachim Scheide, der Zinsschritt sei wegen der anhaltend hohen Inflationsrate kaum zu rechtfertigen.

Reuters BERLIN. Der Chef der Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Rüdiger Pohl, fürchtete ein Verpuffen des Effektes. Die Forscher stimmten indes weitgehend darin überein, dass sich die Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte auf 2,75 % erst gegen Mitte des kommenden Jahres positiv auf die deutsche Wirtschaft auswirken werde. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach jedoch von einem wichtigen wirtschaftspolitischen Signal, das die Konjunktur in Deutschland und ganz Europa beleben werde.

Wirtschafts- und Bankenverbände äußerten sich überwiegend zurückhaltend zum Beschluss der EZB und warnten vor überzogener Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung.

Die EZB hatte mit der Zinssenkung in der Euro-Zone um 50 Basispunkte die Erwartungen an den Finanzmärkten erfüllt. "Das war überfällig und hätte längst kommen müssen", sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Zimmermann, der Nachrichtenagentur Reuters. "Es ist in der Größenordnung im Augenblick sicherlich der richtige Schritt." Aus seiner Sicht gebe es aber Spielraum für einen weiteren Zinsschritt in den nächsten Monaten von 50 Basispunkten. "Ich könnte mir vorstellen, dass man nochmal ein, zwei Schritte tun kann."

Sein Kollege Pohl vom IWH sagte, der Zinsentscheid entspreche den Erwartungen. Die EZB habe sich nicht den "Schwarzen Peter" zuspielen lassen wollen und durch ihren Beschluss ein "großes politisches Risiko" vermieden. "Die Vorstellung, dass nun alles gut wird, ist natürlich illusorisch. Ich denke mal, die Maßnahme wird verpuffen", sagte Pohl. Denn es gebe derzeit "in Wirklichkeit kein Finanzierungsproblem". Die Weltkonjunktur leide vielmehr unter einer Investitionsschwäche.

Bundeskanzler Schröder begrüßte die Entscheidung der EZB. "Es sollte nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa zur Belebung der Wirtschaft beitragen."

Skeptisch äußerte sich IfW-Konjunkturchef Scheide. "Es ist eigentlich ein Signal, dass die EZB Konjunktursorgen hat." Die Inflationsrisiken seien noch nicht beseitigt. Die EZB müsse sich nun vor allem darum bemühen, dass die Inflationsrate im nächsten Jahr deutlich unter zwei Prozent falle. "Denn sonst lässt sich dieser Schritt nicht mehr rechtfertigen", sagte der Experte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). In Deutschland werde die Zinssenkung wohl die Stimmung an den Aktienmärkten leicht verbessern. "Aber bis das tatsächlich in der Konjunktur ankommt, in der Realwirtschaft, dauert das sicherlich bis Mitte des kommenden Jahres." Eine ähnlich späte Auswirkung - wenn überhaupt - erwartet Jan-Egbert Sturm vom Münchener Institut für Wirtschaftsforschung (ifo). Er sagte Reuters, eine weitere Zinssenkung sei nicht notwendig. Ein nächster Zinsschritt gehe vermutlich wieder nach oben.

Peter Hinze, Konkunturexperte des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) begrüßte die Senkung der Leitzinsen. "Von der Inflationsrate her hatte die EZB Spielraum, von der Konjunktur her bestand dafür sogar die Notwendigkeit. Die Konjunktur hat sich deutlich abgeschwächt. Und alles deutet daraufhin, dass sie sich weiter abschwächen wird."

Unterschiedlich reagierte auch die Wirtschaft auf den EZB-Beschluss. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verglich die Zinssenkung mit einem Placebo, da sich weder Investoren, noch Verbraucher nun direkt zu mehr Aktivität anregen ließen. Der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) begrüßte die EZB-Entscheidung, erwartete aber von der Zinssenkung allein keine konjunkturellen Impulse. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) sprach von einer situationsgerechten und angemessenen Entscheidung. Der Groß- und Außenhandelsverband (BGA) bezeichnete die Zinssenkung als Chance für einen Wachstumsschub und rief die Bundesregierung erneut zu Strukturreformen auf.

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