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Schröders Wahlkampf: Ziel drei

Melancholie ist, so sagt man, die Krankheit der Könige. Packt sie nun auch den Kanzler? Wer Gerhard Schröder in diesen Tagen näher kommen kann, der entdeckt einige winzige neue Züge im Auftreten des begnadeten Selbstdarstellers: eine Spur von Wehmütigkeit, einen Hauch von Abschied, einen Schuss linker Larmoyanz, ja sogar ein bisschen "Willy Wolke" wie einst bei seinem großen Vorgänger Brandt. Natürlich knippst der Kanzler sofort wieder sein unermüdliches Siegerlächeln an, wenn er im Wahlkampfdauereinsatz Deichkronen entert und Biersäle beglückt. Schröder will nach außen ironisch und gelassen wirken, zuversichtlich und kämpferisch. Aber es funktioniert nicht mehr ganz so wie früher. Irgendetwas ist weg.

Melancholie heißt Schwarzgalligkeit

Melancholie kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt: Schwarzgalligkeit. Wie treffend, könnte man sagen, gerade in diesen Tagen. Die Schwarzen haben den Sozialdemokraten das noch vor einem Jahr sicher geglaubte Siegesmahl gehörig vergällt. Schröder weiß das, und er kann es auch nicht mehr ganz verbergen. Als machtpolitischer Realist will er retten, was noch zu retten ist. Von seinen ursprünglichen Wahlzielen hat sich der Kanzler offenbar verabschiedet. Ziel Nummer eins, eine neue Koalition mit den Grünen? Niemand glaubt mehr daran in der Kampa. Ziel Nummer zwei, die SPD wenigstens wieder zur stärksten Partei zu machen und sich die Option auf eine SPD/FDP-Regierung offen zu halten? Nach den neuesten Meinungsumfragen kann sich Schröder kaum noch Hoffnungen darauf machen.

Wahlziel Nummer drei

Was bleibt, ist einzig das Wahlziel Nummer drei, die letzte Auffanglinie des Kanzlers: Schröder will im Endspurt wenigstens eine Mehrheit für Schwarz-Gelb verhindern. Dann bliebe die SPD wenigstens mit im Machtpoker: Rot-Grün-Gelb, Rot-Schwarz oder Rot-Grün-Rot wären wahlarithmetisch denkbar. Und Schröder würde noch mal, noch ein letztes Mal in seinem eigentlich ungeliebten und zunächst ungewollten Amt als sozialdemokratischer Parteichef alles beeinflussen.

Medialer Showdown macht Wahlkampfstrategen in beiden Lagern nervös

Schröders Wahlziel Nummer drei ist so unrealistisch nicht: Nach den Umfragen liegen die Union und die FDP entweder einen Schnaps über ihrem Traumziel - oder darunter. Sicherer Sieger wird die bürgerliche Opposition nur dann sein, wenn die Gysi-geschwächte PDS aus dem Parlament fällt. Bleiben die Postkommunisten drin, wird es am Ende des Wahltages schwer für Edmund Stoiber. Wichtig auch: Die entscheidenden Promille an machtpolitisch alles entscheidenden Wählerstimmen könnten durch die beiden Fernsehduelle zusammenkommen - für Stoiber oder für Schröder. Was beim medialen Showdown wirklich passiert, kann keiner sagen. Das macht die Wahlkampfstrategen in beiden Lagern zunehmend nervös.

Sollte Schröders Kalkül aufgehen, sollten eigentlich wir Wähler melancholisch werden: Nichts wäre schlimmer für Deutschland als ein kompliziertes Koalitionsgewürge nach dem 22. September. Die dringend notwendigen wirtschaftspolitischen Reformen erfordern ein klares Wählermandat. Ampeleien können wir uns nicht leisten. Eine Regierungsbeteiligung der PDS, die Schröder bisher kategorisch ausschließt, wäre sogar eine Katastrophe.

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