Schrumpfende Erlöse auf russischem Heimatmarkt
Gazprom plant eigene Pipeline durch die Ostsee

Der weltgrößte Erdgasproduzent, die russische Gazprom, will mit internationalen Partnern eine Unterwasser-Pipeline durch die Ostsee bis nach Deutschland bauen. Durch die Weiterführung bis England will Gazprom-Chef Alexej Miller "den für uns neuen und ausgezeichneten Wachstumsmarkt" erobern. Bislang liefert der Konzern noch kein Gas auf die Insel.

mbr MOSKAU. Unklar ist bislang, wie das hoch verschuldete Unternehmen, das gerade erst niederschmetternde Halbjahreszahlen vorlegte, die Baukosten von 5,7 Mrd. $ aufbringen will.

Die neue Pipeline soll vom nordwest-russischen Wyborg auf dem Meeresgrund nach Greifswald laufen. Sie soll 2007 betriebsbereit sein und eine Kapazität von 30 Mrd. Kubikmetern jährlich haben. In diesem Jahr plant Gazprom Exporte nach Europa in der Größenordnung von 130 Mrd. kbm. Von Deutschland aus soll die Pipeline nach Angaben Millers bis nach Holland verlängert werden. Von dort aus solle dann England bedient werden, wo "der Großteil des Gases, das über die neue Pipeline transportiert wird, verkauft werden soll", so Miller.

Ob sich genügend westliche Partner zur Finanzierung des Projekts finden werden, ließ Miller nach Gesprächen mit den Energie-Multis Shell, BP, der finnischen Fortum, der niederländischen Gasunie und der Osteuropabank (EBRD) offen.

Auch die deutschen Gazprom-Partner hielten sich nach Gesprächen mit Miller bedeckt. Die Essener Ruhrgas AG hält 5 % an Gazprom, die BASF-Tochter Wintershall betreibt mit Gazprom ein Erdgashandelshaus. Die Deutschen sind aber skeptisch: Eine Parallel-Pipeline zu den bestehenden Routen durch die Ukraine und Weißrussland käme deutlich billiger. Allerdings wirft Gazprom diesen beiden Ländern vor, illegal russisches Erdgas zu entnehmen.

Ruhrgas-Chef Burckhardt Bergmann, der auch Gazprom-Aufsichtsrat ist, meldete in einem Interview Kritik an: Die im Beisein der Präsidenten Russlands und der Ukraine sowie des deutschen Bundeskanzlers geplante Modernisierung und Erweiterung der Ukraine-Route durch ein internationales Konsortium - an dem auch die Essener Interesse angemeldet haben - mache Alternativprojekte überflüssig. Bei Wintershall, das ebenfalls am Ukraine-Konsortium interessiert ist, wurde zudem angemerkt, dass Gazprom vordringlichere Projekte habe: So müssten die gewaltigen Gasvorkommen auf der Jamal-Halbinsel zuvor durch Pipelines angebunden werden. Auch sei über den Bau von Gas-Verflüssigungsanlagen und der Export dieses Produktes durch Tanker nachzudenken.

Doch Gazprom geht es offenbar mit der neuen Route um mehr: So wolle der Konzern laut Miller den England-Vertrieb mit Shell, BP und der britischen Gasgesellschaft Centrica selbst organisieren. Dadurch wolle der Konzern künftig direkten Zugang zu Großkunden gewinnen. Im restlichen Europa wolle Gazprom künftig beim Gasverkauf mit den norwegischen Firmen Statoil und Norsk Hydro zusammenarbeiten.

Allein kann Gazprom die neue Pipeline aber nicht finanzieren. Denn erstmals musste der Konzern bei der Vorlage der Halbjahreszahlen vorige Woche einen negativen Cash-Flow von 912 Mill. $ ausweisen. Investitionen, Finanzmarkttransaktionen und Kredittilgungen haben tiefe Löcher gerissen. Verheerend ist dies, da der Inlands-Gastarif bereits erhöht worden war; die Erlöse aber von 2,22 Mrd. auf 2,07 Mrd. $ schrumpften. Das legte Analysten den Verdacht nahe, im Inlandsvertrieb würden Gelder abgezweigt. Das Moskauer Wirtschaftsblatt "Wedomosti" kommentierte: "Es entsteht der Eindruck, dass das neue Management wie schon das abgelöste an einer Reform des Gasmonopolisten nicht interessiert ist. Und der Kreml hat offenbar ein Interesse an einer untransparenten Gazprom."

Gazprom liefert etwa die Hälfte des in Europa verbrauchten Erdgases. Die Firma, an der der russische Staat mit 38,4 % beteiligt ist, verfügt über ein Fünftel der Welt-Erdgasreserven.

Quelle: Handelsblatt

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