Schrumpfkur
Deutsche Bahn auf dem Rückzug

HB DÜSSELDORF. Bahnchef Hartmut Mehdorn ist ein Mann, der den Stier gerne bei den Hörnern packt. Das gestern verkündete Güterverkehrskonzept für die seit Jahren kranke Konzerntochter DB Cargo unterstreicht das schlaglichtartig: Radikal und rasch, wie das die Art des Vorstandsvorsitzenden ist, will sich die Bahn vom Verlust bringenden Einzelwagenverkehr trennen - selbst auf die Gefahr hin, damit nun etliche treue Kunden zu verprellen. Immerhin geht es um 40 Prozent der bisherigen Verkehrsleistung.

Heute der Güterverkehr, morgen der Personenverkehr in den ländlichen Regionen: Auch dort, so ist längst bekannt, setzt die Bahnführung letztlich auf eine Kahlschlag-Strategie, beim Interregio-Einsatz ebenso wie bei der Bedienung von Nebenstrecken. Weniger Züge gleich weniger Kosten - so die einfache Rechnung.

Das Management-Konzept des ob seiner Industrieerfahrung mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Bahnchefs liegt damit klar auf dem Tisch. Es ist das der Schrumpfbahn, auch wenn es nicht so genannt wird. Vereinfacht dargestellt: Zukunft hat nur die Bahn für Großkunden im Güterverkehr und die Bahn für Reisende zwischen den Ballungsgebieten. Damit hat Mehdorn prinzipiell keine besseren Ideen als seine Vorgänger schon zu längst vergessenen Bundesbahn-Zeiten vor der Bahnreform.

Ins Bild passen die lauten Rufe nach dem Staat, mit denen Mehdorn in den letzten Wochen Öffentlichkeit und Politik auf den milliardenschweren Nachholbedarf bei der Schieneninfrastruktur aufmerksam machte. So berechtigt die Klage im Grundsatz ist, so sehr schoss der Bahnchef über das Ziel hinaus. Immer höhere Milliardenzahlen über angebliche Planabweichungen wurden genannt und sorgten für einen kaum abzuschätzenden Imageschaden der im öffentlichen Ansehen ohnehin reichlich angekratzten Bahn. Dass es sich dabei um eher willkürliche "Worst Case"-Inszenierungen zum Zwecke politischer Außenwirkung handelt, wird hinter vorgehaltener Hand selbst im Bahn-Management vermutet.

Vergeblich sucht man in der Unternehmensstrategie richtungweisende intelligente Lösungen und innovative Ansätze, die die Markt- und Wettbewerbsdefizite der schwerfälligen Bahn in denjenigen Segmenten ausgleichen, wo sie schwach ist. Diese Potenziale für die Schiene zu sichern bleibt offenbar anderen Betreibern überlassen, die flexibler sind.

Die Schrumpfbahn fährt an gesellschaftspolitischen Zielen vorbei

Vielleicht sollte sich die Bahn häufiger fragen, warum andere denn beweglicher im Markt sind als sie selbst. An der schieren Größe allein sollte es nicht liegen - dieses Hemmnis wird sich durch entsprechende Organisationsformen beseitigen lassen. Und durch eine konsequente Sanierung: Als hochproduktiver Anbieter könnte vielleicht auch die Deutsche Bahn interessante Märkte für sich gewinnen.

Wenn es zur Schrumpfbahn aus unternehmerischer Sicht keine Alternative gibt, ist das gesellschaftspolitische Ziel der Bahnreform, mehr Verkehr auf die Schiene zu holen, endgültig gescheitert. Anders gesehen: Die Absicht, vom wachsenden Verkehrsaufkommen der nächsten Jahre und Jahrzehnte möglichst viel von der Straße auf die Schiene zu verlagern, lässt sich allein mit dem Unternehmen Deutsche Bahn nicht verwirklichen.

Angesichts der übervollen Autobahnen kann dies nur bedeuten: Dringender denn je muss die Politik die Infrastrukturverantwortung des Staates für das Schienennetz voll akzeptieren und mutig die - teuren - Voraussetzungen für eine umfassende Liberalisierung des Bahnverkehrs schaffen. Mehr Wettbewerb sollte endlich mehr Verkehr auf die Schiene bringen können.

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