Schülersprecherin saß beim Amoklauf in der Abiturprüfung
„Zurzeit kein Nachdenken über normales Leben möglich“

"Die Gedanken daran werden uns noch jahrelang begleiten." Wenn Michaela Seidel über den Amoklauf von Erfurt spricht, wirkt sie ruhig und gefasst. Aber in der 18-jährigen Schülersprecherin des Gutenberg-Gymnasium brodelt es.

WiWo/ap ERFURT. "Über ein normales Leben nachzudenken, wird uns in den nächsten Monaten nicht möglich sein." Michaela hatte gerade ihre Matheabitur geschrieben, als der 19-jährige Robert Steinhäuser mit seinem Amoklauf begann. Andere Abiturienten hatten über ihren Biologie-, Deutsch- oder Englischprüfungen gesessen.

"Keiner kann sich vorstellen, jemals wieder in einer solchen Prüfung zu sitzen", meint Michaela. Dies habe sie in vielen Gesprächen mit Mitschülern feststellen müssen. Auch sie könne sich nicht noch einmal in einer Prüfungssituation zurecht finden. "Da würden meine Gedanken nicht bei Formeln und Gleichungen sein, sondern bei den schrecklichen Ereignissen."

Geschichtslehrer war Held des Tages

Ihre ganze Hochachtung gelte ihren Lehrerinnen und Lehrern, insbesondere dem Geschichts- und Kunsterzieher Rainer Heise. Der 60-Jährige hatte sich dem Amokläufer in den Weg gestellt und dadurch möglicherweise weitere Todesschüsse verhindert. Er sei der "Held des Tages" für sie gewesen. "Er war schon immer ein besonderer Mensch für mich, der eine bemerkenswerte Art hat, mit Schülern umzugehen", sagt die 18-Jährige. Aber Heise sein nur einer der Helden gewesen sei. "Alle Lehrer und Schüler, die uns geholfen haben, sind Helden."

Den Vorschlag, ein Mahnmal im Gutenberg-Gymnasium zu errichten, lehnt die Schülersprecherin vehement ab. Die Lehrerinnen und Lehrer hätten sie und ihre Mitschüler gemeinsam mit den Eltern "zu Abiturienten, zu Menschen" gemacht und erzogen. Das sei es immer gewesen, was die Schule in der thüringischen Landeshauptstadt ausgezeichnet habe. "Und so soll sie auch wieder werden", betont Michaela und erhält dafür von Schülern, Eltern und Lehrern Beifall.

Schulen dürfen keine Gefängnisse werden

Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wie Metalldetektoren will sie an der Schule nicht. "Da würden wir uns wie Verbrecher fühlen und das wollen wir nicht", sagt sie. Schulen müssten Schulen und Gefängnisse Gefängnisse bleiben. "Beides zu kombinieren geht nicht."

Für den Täter empfindet die blonde Schülerin nach eigener Aussage kein Gefühl. "Ich kann weder Hass noch Mitleid mit ihm empfinden", erklärt sie. Der junge Mann, mit dem sie selbst gemeinsam Unterricht gehabt habe, sei "ein kranker Mensch, dem man früher hätte helfen müssen."

Gemeinsamkeit und Zusammenhalt

Nach dem furchtbaren Geschehen spüre sie unter Lehrern, Eltern und Schülern "unglaublich viel Gemeinsamkeit und Zusammenhalt." Ihr selbst habe es gut getan, dass ihre Mutter sie in den Arm genommen und ihr damit Halt gegeben hätte. "In allen Familien sollten die Schüler jetzt in die Arme genommen werden", meint Michaela.

Auch Michael Park appelliert an die Familien, auf die Schüler zuzugehen und ihnen Nähe und Geborgenheit zu geben. Der Elternsprecher des Gutenberg-Gymnasiums erlebt bei seinen beiden Kindern mit, wie sie auf den Amoklauf reagieren. Und dies könne zu unterschiedlichen Zeiten sehr verschieden sein, sagt er. So könne es sein, dass sie am Morgen noch "auf unerklärliche Weise" fröhlich und wenige Minuten später wie ausgewechselt seien.

Harald Döring, Vorsitzender des Fördervereins des Gymnasiums, berichtet, dass sein 14-jähriger Sohn den Mord an einer Lehrerin beobachtet habe und dann zwei Stunden lang in einem Klassenraum verbarrikadiert gewesen sei. "Da hat er Todesangst erlebt", sagt Döring. Er lobt die Lehrerinnen und Lehrer, die sich während des Amoklaufs "vorbildlich" verhalten hätten. "Teilweise haben sie sich als Schutzschilde vor unsere Kinder gestellt", erzählt er.

Bereits im September des Jahres 2000 hätten sich Schüler, Eltern und Lehrer über das Thema "Gewalt an der Schule" ausgetauscht. Dieses Thema habe man nicht ignoriert, sagt Döring. In der Realität der Gutenberg-Schule habe es aber nie eine Rolle gespielt. Eines aber hätten die Diskussionen damals und heute nicht vermocht: "Auf solche Taten wie den Amoklauf kann man sich nicht vorbereiten."

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