Schuldbewusstsein ist gering
Versicherer leiden unter Betrug

Rund vier Milliarden Euro an Schaden entsteht jährlich durch Versicherungsbetrug. Die Branche sorgt sich, weil die organisierten Betrugsfälle immer mehr zunehmen. Das Schuldbewusstsein ist gering.

HB/fw DRESDEN. Der Trend beim Versicherungsbetrug ist insgesamt leicht rückläufig. Sorgen bereitet der Branche aber die Zunahme der organisierten Kriminalität in diesem Bereich, berichtet Thomas Staubach, Leiter der neuen Abteilung "Kriminalitätsbekämpfung" beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf einer Tagung in Dresden. "Es gibt in Deutschland zurzeit etwa 20 Großverfahren", sagt er.

Ein besonders umfangreiches, das zur Zeit läuft, ist der so genannte "Speyerer Kreisel": Dies ist eine Organisation, die systematisch Autounfälle fingierte und dabei offenbar auch illegal einschleuste Ausländer "zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes" eingesetzt hat. Der Gesamtschaden hier liegt bei rund 15 Mill. Euro, insgesamt wurden schon 110 Mitglieder des Kreisels verurteilt.

Auch Roland Wörner, Experte für Versicherungsbetrug bei Gerling, sieht eine Verschiebung der Akzente beim Versicherungsbetrug: "Es geht heute weniger um die Tchibo-Vase, die in der Schadensmeldung zur Ming-Vase mutiert", sagt er. Als ein Beispiel für organisierten Betrug nennt er den "Einbruchservice", den eine Bande in Nordrhein-Westfalen anbot: Sie brach auf Bestellung und gegen Provision ein und beriet ihre "Kunden", wie sie danach möglichst viel von der Versicherung bekommen könnten.

Milliardenschäden jedes Jahr

Die Branche schätzt den Gesamtschaden durch Betrug in Deutschland auf vier Milliarden Euro pro Jahr. Die Länder Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg fallen besonders negativ auf. Betrugs-Schwerpunkt sind die Sparten private Haftpflicht-, Hausrat- und Kfz-Policen. Hier geht es um fingierte Unfälle und Diebstähle, zum Teil auch Brände.

Laut Staubach passiert es häufig, dass Leute, die eine Verkaufsannonce für Auto geschaltet haben, aus dem Ausland angerufen werden mit der Aufforderung, den Wagen unter der Hand zu verkaufen und als gestohlen zu melden. Beliebt sei auch, Mietwagen zu unterschlagen.

Die Palette des Versicherungsbetrugs ist breit. Staubach schildert einen besonders drastischen Fall, in dem ein Mann seiner Frau und seinen Kindern die Knochen brach, sie in ein Auto setzte und dann einen Unfall vortäuschte, um die entsprechenden Summen von der Unfallversicherung zu kassieren.

Doch solche Verbrechen wie Selbstverstümmelungen sind Ausnahmen. Typischer ist der Fall eines älteren Ehepaares, das bei der Rechnung eines gestohlenen Schmuckstücks auf der Rechnung eine "1" vor die Summe setzte, um 1000 Euro mehr zu kassieren. Nach einer anonymisierten Umfrage, die der GDV durch die Gfk durchführen ließ, handelt es sich bei den meisten Betrugsfällen um "übertriebene" Schadenmeldungen.

Die Branche selbst sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Image, der Zufriedenheit ihrer Kunden und der Betrugshäufigkeit. Laut der Gfk-Studie, für die 2000 Haushalte befragt wurden, stimmen rund 70 % der Bürger der Aussage zu: "Die Versicherer verdienen sich dumm und dämlich." Knapp die Hälfte glaubt, dass ein Versicherungsbetrug in der Regel nicht auffliegt und mehr als ein Viertel hält ihn für ein Kavaliersdelikt. Diese Werte seien schlecht, aber deutlich besser als in früheren Umfragen, meinte Staubach.

Die Branche wappnet sich mit neuen Geräten, die z.B. nachträgliche Änderungen von Dokumenten enttarnen, und besserer Informationsauswertung. Bei Gerling gibt es zum Beispiel ein "Scoring-Verfahren", das Schadenmeldungen systematisch auf verdächtige Merkmalkombinationen abklopft.

Ein Problem ist nach Meinung des GDV-Experten, dass viel zu wenig Betrüger von den Versicherern angezeigt würden. Der Grund: In Strafverfahren sind die Anforderungen an Beweise besonders hoch, daher geht der Kunde häufiger frei aus, was dann auch den Zivilprozess zu Ungunsten des Versicherers beeinflussen kann. Staubach glaubt aber, dass mehr Strafanzeigen notwendig sind, um die Abschreckung zu erhöhen. Gerling-Experte Wörner bestätigt: "In einem reinen Zivilverfahren haben wir etwas bessere Chancen. In klaren Betrugsfällen drängen wir aber trotzdem auf ein Strafverfahren."

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