Schuldenabbau bei Telecom Italia hat höchste Priorität
Pirelli konzentriert die Geschäfte

Pirelli setzt künftig auf Kerngeschäftsfelder. Nach dem Einstieg bei Telecom Italia will der Mailänder Konzern die Produktion von Lkw-Reifen und Stromkabeln verkaufen. Telecom Italia soll entschuldet werden.

mab/zel MAILAND/DÜSSELDORF. Der Reifen- und Kabelhersteller Pirelli will nach der Übernahme der Telecom Italia (TI) erst einmal die hohe Schuldenlast des drittgrößten europäischen Telefonkonzerns absenken. Marco Tronchetti Provera, Chef von Pirelli, sagte am Montag in Mailand, dass er diesem Projekt höchste Priorität einräume. "Sobald wir das Unternehmen tatsächlich führen, werden wir uns dieses Problems annehmen", betonte er auf einer Pressekonferenz. In Marktkreisen hat die Aussage Spekulationen ausgelöst, Pirelli könne einen ausländischen Telekommunikationskonzern zu einem Einstieg in Italien bitten, um dieses Ziel zu erreichen. Gleichzeitig verkauft Pirelli die eigene Produktion von Lkw-Reifen und von Stromkabeln. Pirelli hatte am Wochenende mitgeteilt, gemeinsam mit dem Bekleidungskonzern Benetton indirekt die Kontrolle über Telecom Italia erworben zu haben. Die Konzerne hatten die Anteile gekauft, mit der die Olivetti-Holding ihrerseits TI kontrolliert hatte.

Während TI mit rund 21,5 Mrd. Euro Verbindlichkeiten verglichen mit Konkurrenten wie der Deutschen Telekom oder France Télécom noch relativ gut dasteht, gilt die Konzernmutter Olivetti mit weiteren 18,3 Mrd. Euro Schulden als äußerst belastet. Olivetti verfügt über kein eigenes operatives Geschäft und ist daher auf reichhaltige Dividenden der TI angewiesen, um die angehäuften Verbindlichkeiten zu bedienen. Seit der feindlichen Übernahme von TI durch Olivetti vor zwei Jahren, die den Fusionsbestrebungen mit der Deutschen Telekom ein Ende gesetzt hatte, muss TI nun aggressiv Dividenden an Olivetti ausschütten. Das wiederum schwächt die Innovationskraft des Telekomkonzerns und führte unter anderem dazu, dass es zwischen TI-Chef Roberto Colaninno und Investoren und Marktteilnehmern zu heftigen Spannungen kam.

Unklarheit herrscht über die künftige Strategie der TI. Bislang setzt der Konzern außer seinem Heimatmarkt Italien auf Südamerika und diverse Länder in Europa, darunter Frankreich, Spanien und Österreich. Ob eine geografische Neuausrichtung oder andere Entscheidungen anstehen, wurde gestern nicht bekannt. Die Aussagen von Tronchetti Provera waren ein entschiedenes "Alles ist möglich". So wollte er weder eine Fusion der TI mit ihrer Muttergesellschaft Olivetti ausschließen, noch ein Zusammengehen des Ex-Monopolisten mit Pirelli.

Mehr Klarheit herrscht bei Pirelli: Der Konzern soll sich künftig auf Geschäftsfelder konzentrieren, für die der Einsatz von Technologie eine große Bedeutung besitzt. Daher stehen von sofort an die Lkw-Reifen und die Stromkabel zum Verkauf. Tronchetti Provera will damit 2 Mrd. Euro einstreichen, die auch zum Schuldenabbau bei Olivetti gebraucht werden.

Kerngeschäftsfelder von Pirelli bleiben die Reifen für Autos und Motorräder. Außerdem will Pirelli weiter Kabel für die Telekommunikation produzieren und erhofft sich hier nicht näher definierte Synergien durch die Kontrolle über Telecom Italia.

Pirellis Partner Benetton hat unterdessen angekündigt, seinen Anteil an der Zwischenholding von 40 % auf 20 % abzusenken. Die vorläufig "Newco" genannte Zwischenholding hatte am Wochenende für 7,2 Mrd. Euro 27 % von Olivetti erworben. Gleichzeitig steigen die beiden größten Geschäftsbanken Italiens, Intesa BCI und Unicredito Italiano, mit jeweils 10 % bei Newco ein. Pirelli hält an dieser Zwischenholding 60 %. Die Schachtel-Konstruktion verhilft Tronchetti Provera zur Macht bei TI, obwohl der durchgerechnete Anteil von Pirelli nur bei 8,9 % liegt.

Nach dem Rücktritt von Roberto Colaninno werden Enrico Bondi und Carlo Buora gemeinsam TI führen. Bondi ist bislang Vorstandschef des Mischkonzerns Montedison, der vor einigen Tagen durch Fiat und Electricité de France übernommen worden ist. Er gilt als ausgewiesener Sanierer. Buora kommt von Pirelli und ist Finanzexperte.

Offen ist, wer die von Pirelli zum Kauf angebotenen Unternehmensteile übernehmen wird. Für die Lkw-Reifen gibt es zwei Favoriten: Michelin aus Frankreich und Bridgestone aus Japan. "Kein Kommentar", antwortete ein Michelin-Sprecher zu einem möglichen Interesse. Eine Bridgestone-Sprecherin wollte nur bestätigen, dass es Gerüchte über eine mögliche Übernahme gebe. Es gilt als wenig wahrscheinlich, dass die deutsche Continental AG oder der US-Konzern Goodyear einsteigen werden. Continental fehlt das Geld, Goodyear verfügt über ausreichend Produktionskapazitäten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%