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Schuldsprüche gegen Nachfahren der „Bounty“-Meuterer

Schuldsprüche im Missbrauchsprozess gegen Nachfahren der weltberühmten Meuterer von der „Bounty“: Auf der winzigen Pazifikinsel Pitcairn sahen es die Richter als erwiesen an, dass sechs der sieben Angeklagten Frauen und Mädchen vergewaltigten oder sexuell belästigten.

dpa WELLINGTON/SINGAPUR. Schuldsprüche im Missbrauchsprozess gegen Nachfahren der weltberühmten Meuterer von der "Bounty": Auf der winzigen Pazifikinsel Pitcairn sahen es die Richter als erwiesen an, dass sechs der sieben Angeklagten Frauen und Mädchen vergewaltigten oder sexuell belästigten.

Unter ihnen ist auch der Bürgermeister des Eilandes, Steve Christian (53), Nachkomme des Meuterei-Anführers Fletcher Christian. Nach Auffassung des Gerichts zwang er fünf junge Mädchen zum Sex, wie der australische Rundfunksender ABC weiter meldete. Das Strafmaß soll noch im Laufe dieser Woche verkündet werden. Die Verteidigung zweifelt allerdings die Rechtmäßigkeit des spektakulären Verfahrens an.

Britische Staatsanwälte hatten den Angeklagten mehr als 50 Missbrauchsfälle zur Last gelegt, von denen manche bis zu 40 Jahre zurückliegen. Mit den sieben Angeklagten stand rund die Hälfte der männlichen Erwachsenen Pitcairns vor Gericht. Auf dem zu Großbritannien gehörenden Eiland, auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Südamerika gelegen, leben gerade einmal 48 Menschen.

Neben Steve Christian wurde dessen Sohn Randy unter anderem wegen vier Vergewaltigungen für schuldig befunden. Der 78 Jahre alte Len Brown verging sich nach Ansicht der drei neuseeländischen Richter zweimal an Frauen, sein Sohn belästigte in neun Fällen Mädchen. Zwei weitere Angeklagte wurden wegen ähnlicher Delikte ebenfalls schuldig gesprochen, einen befanden die Richter für unschuldig.

"Die Urteile sind eine klare Botschaft, dass der Missbrauch von Kindern in keiner Kultur akzeptabel ist, und Pitcairn ist keine Ausnahme", zeigte sich Chefermittler Rod Vinson im neuseeländischen Fernsehen zufrieden über das Urteil. Allerdings hatten kurz vor Prozessbeginn zwei Frauen aus Pitcairn öffentlich verkündet, die sexuellen Gewohnheiten auf der abgelegenen Insel seien durchaus anders und Geschlechtsverkehr im Alter von zwölf Jahren nicht selten.

Acht andere Frauen wussten in dem Verfahren, per Video aus Neuseeland zugeschaltet, unterdessen ganz anderes zu berichten: "Mädchen wurden wie Sexspielzeuge behandelt, sagte eine Zeugin, die nach eigener Aussage vier Mal vergewaltigt worden war. "Die Männer machten mit ihnen, was sie wollten."

Dass die sechs schuldig gesprochenen Angeklagten aber tatsächlich hinter Gittern landen, ist noch keine ausgemachte Sache: Die Verteidigung zweifelt die britische Rechtshoheit über Pitcairn an. Eine Entscheidung über den Einspruch der Anwälte wird nicht vor Anfang des nächsten Jahres erwartet. Bis dahin ist den Männern vom Gericht zugesichert worden, in Freiheit bleiben zu dürfen.

Die gerade einmal 4,3 Quadratkilometer große Insel ist in Aufruhr, seit die Vorwürfe Anfang vorigen Jahres öffentlich wurden. Pitcairn fürchtet den Zusammenbruch, sollten die Männer tatsächlich hinter Gitter kommen. Dann sei kaum mehr jemand da, der mit den Booten umgehen könne, die die Güter von vorbeifahrenden Schiffen an Land holen, sagte Bewohnerin Betty Christian der britischen BBC.

Der Name Christian hat Tradition auf dem Eiland. Fletcher Christian, Anführer der Meuterer auf der "Bounty", war es, der am 15. Januar 1 790 mit acht weiteren Meuterern, sechs Männern und zwölf Frauen aus Tahiti sowie einem Kind auf der Flucht vor der britischen Justiz in Pitcairn an Land ging. Bei ihrem Aufstand im Jahr zuvor hatte ein Teil der "Bounty"-Besatzung Kapitän William Bligh mit ein paar Getreuen und kaum Vorräten mitten im Pazifik ausgesetzt.

Friedvolle Zeiten warteten aber nicht auf die abtrünnigen Seeleute. "Sie behandelten die Tahitianer eher wie Sklaven denn als Menschen" heißt es in der Inselchronik. Blutigen Rivalitäten fielen alle sechs Tahitianer zum Opfer, wie auch fünf Meuterer, darunter Fletcher Christian. Die übrigen brachten sich dann selbst oder gegenseitig um, oder wurden von Krankheiten dahingerafft. Im Jahre 1 800 war nur noch der Meuterer John Adams von den männlichen Ankömmlingen übrig.

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