Schule des Lesens
Experten erklären Laien die Poesie

Lyrik gehört nicht gerade zu den Lieblingsthemen von Schülern. Autor Andreas Thalmayr will mit einer "Ersten Hilfe für gestresste Leser" auf unkonventionelle WeiseLust auf Poesie machen.

HB HAMBURG. Gedichtinterpretationen gehören in der Regel nicht zu den Lieblingsaufgaben von Schülern. Und auch manche Erwachsene denken nur mit Grauen an ihre früheren Auseinandersetzungen mit Goethe, Eichendorff und Rilke zurück. Der Stoßseufzer "Lyrik nervt" hat es nun zum Buchtitel gebracht: Autor Andreas Thalmayr will mit einer "Ersten Hilfe für gestresste Leser" auf unkonventionelle Weise Lust auf Poesie machen. Dasselbe Ziel verfolgt auf einem etwas ernsteren Weg der Münsteraner Literaturwissenschaftler Alwin Binder mit seinem neuen Buch "LiteraturLesen".

Beide Experten erläutern zunächst ganz grundsätzlich den Unterschied zwischen poetischer und natürlicher Sprache. Beispiel: "Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen." Auf den ersten Blick ist das ein normaler Satz. Jeder glaubt, ihn auf Anhieb verstehen zu können. Doch mit diesem Satz fängt ein Gedicht von Günter Eich an. In Versform auf vier Zeilen verteilt, besagt er viel mehr und etwas ganz anderes als in natürlicher Sprache.

Anhand von zwölf beispielhaften Texten der deutschen Literatur von 1804 bis 1984 zeigt Binder, dass die permanente Reflexion auf die ästhetische Form eines Textes den Lesegenuss nicht trübt, sondern steigert. Die Beispiele aus der epischen, lyrischen und dramatischen Literatur belegen, "wie Texte sich verändern und reichhaltiger werden, wenn man sie mit geübtem Auge liest, und dass man denkendes Lesen (Hören und Sehen) lernen kann". Zugleich kann Binder mit seiner "Schule des Lesens" auch dem Laien überzeugend erklären, warum Goethes "Wahlverwandtschaften" literarisch wertvoll ist und Simmels "Es muss nicht immer Kaviar sein" nicht.

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