Schulte-Noelle hätte mehr Glück verdient
Der Wechsel im Chefsessel der Allianz ist eine gute Nachricht für die Aktionäre

Ob Henning Schulte-Noelle im kommenden Jahr häufiger Tennis spielen geht oder sich seinem Garten widmet? Zeit genug dürfte er haben, wenn er die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Michael Diekmann übergeben hat.

DÜSSELDORF. Goldman Sachs stufte die Aktie zurück und kommentierte den Abgang von Schulte-Noelle mit kritischen Untertönen. Die WestLB begrüßte den Wechsel zwar grundsätzlich, blieb aber bei einer negativen Einschätzung. Die Schwäche der Aktie in den vergangenen beiden Tagen hing in erst Linie mit dem allgemeinen Börsentrend zusammen.

Schulte-Noelle übernahm vor elf Jahren einen mächtigen deutschen Versicherungskonzern. Er galt als blass, ein wenig steif und bürokratisch. Nach und nach baute er die Allianz zu einem europäischen Konzern aus - sein Glanzstück war die Übernahme der französischen AGF im Jahr 1998. Durch weitere Übernahmen verschaffte er sich Standbeine in den USA und im Bereich der Vermögensverwaltung. Das alles lief reibungsloser und erfolgreicher als zum Beispiel bei der Deutschen Bank. Schulte-Noelle galt auf einmal als mächtigster deutscher Manager.

Bei einem überaus pflichtbewussten Mann, der seine Gefühle nicht zeigt, kann man nur erahnen, wieviel Kraft ihn nach diesem Aufstieg die Krise der letzten beiden Jahre gekostet hat: die Übernahme der Dresdner Bank, die mit dem Börsendesaster zusammentraf. Der Kurs stürzte ab - etwa auf das Niveau zur Zeit seiner Amtsübernahme. Die Aktionäre sind schockiert : Dass Tech-Werte ins Bodenlose stürzen, war man gewöhnt. Dass die Allianz derart einbricht, schien unmöglich. Da tröstet es wenig, dass die gesamte Branche ein ähnliches Schicksal traf.

Die Übernahme der Dresdner Bank war ein schwerer Fehler. Doch Schulte-Noelle hat ihn nicht aus Eitelkeit oder Größenwahn begangen, sondern weil andere Lösungen für die Bank, deren Großaktionär die Allianz seit langem war, gescheitert waren. Dass die Börsenkrise in dieser schweren Zeit hinzukam, war zudem kaum vorherzusehen. Fazit für Schulte-Noelles Zeit also: Er hätte ein bisschen mehr Glück verdient.

Sein Abgang ist eine gute Nachricht für die Aktionäre. Nicht, weil Schulte-Noelle Fehler gemacht hat. Nicht, weil sein Nachfolger unbedingt besser wäre als er. Sondern, weil der Wechsel zeigt, dass das "System Allianz" noch funktioniert. Dieses System zeichnet sich aus durch starke Loyalität zum Unternehmen und Pflichtbewusstsein vom Chef bis zum Vertreter. Mit dieser Mischung aus Geschäftssinn und Corpsgeist ist der Konzern groß geworden, und nur damit kann er seine Stärke wiedergewinnen. Der rechtzeitige Wechsel auf einen unbelasteteren Nachfolger, der innerhalb des Hauses seinen Weg gemacht hat, trägt alle Merkmale, die für die Allianz typisch sind und ihre Stärke ausmachen. Das ist die wesentliche Botschaft für die Anleger.

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