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Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre übt Kritik am Neuen Markt

Aktionärsvertreter wittern Betrug am Anleger durch falsche und frisierte Geschäftsprognosen. Die Bosse junger Unternehmen wiederum beklagen Manipulation ihrer Aktienkurse.

FRANKFURT (dpa-AFX) Gut drei Jahre nach seiner Geburt erlebt der Neue Markt seine schwerste Vertrauenskrise.

Der Frust vieler Kleinaktionäre begann in der Regel schon beim Börsengang der angeblichen Wachstumsfirmen. Während Banken, Vorstände sowie deren "Freunde und Familien" bei der Aktienzuteilung üppig bedacht wurden, gingen Privatanleger meist leer aus oder bekamen nur eine Hand voll Aktien. Betrachtet man jedoch die Kursentwicklung und die Geschäftszahlen vieler dieser Senkrechtstarter am Neuen Markt, müssen Anleger fast froh sein, wenn sie nicht immer dabei waren.

Für utopische und geschönte Wachstumsprognosen zahlen nämlich vor allem Kleinaktionäre die Zeche, die in der Regel nicht ausreichend oder zu spät über die wahre Lage informiert sind. Wenn dann die so genannte Gewinnwarnung kommt, sind die Privatanleger nach einem üblicherweise rasanten Kursrutsch die Dummen. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) sieht daher die in Deutschland gerade erst aufkommende Aktienkultur gefährdet.

"Da muss dringend etwas geschehen", fordert SdK-Vorstandsmitglied Markus Straub. Von rund 80 Börsendebütanten am Neuen Markt in diesem Jahr notierten zur Halbzeit nur gut die Hälfte überhaupt über ihrem Ausgabekurs. Die übrigen Firmen hätten ihren Aktionären zum Teil Kursverluste von mehr als 50 % beschert. Einen wichtigen Grund dafür sieht die SdK im Gewinnstreben von Banken und Deutsche Börse.

Kreditinstitute begleiteten auch untaugliche Unternehmen an die Börse und kämen dabei ihrer gesetzlichen Informationspflicht über die Risiken oft nicht rechtzeitig nach. Auch "guten Namen" könne man nicht mehr vertrauen, betont Straub. Die SdK hat den Eindruck, manche Unternehmen stecken derart in der Klemme, dass ohne die Erlöse aus dem Börsengang sogar vorzeitig die Pleite droht. "Geschäftsmodell" sei manchmal gar nicht das operative Geschäft, sondern der Börsengang zur eigenen Bereicherung.

Bei inzwischen mehr als 300 Firmen am Neuen Markt haben viele Anleger längst den Durchblick verloren. Die Zeiten des Lotteriespiels mit Gewinngarantie - wie in den ersten Jahren - scheint auch vorbei. Deshalb ist bei der Auswahl der Aktien größte Vorsicht geboten. Nach Ansicht der SdK erfüllen viele Börsenkandidaten aber nicht einmal die "Mindestanforderungen" in punkto Erfolgschancen und Seriosität.

Aber nicht nur Aktionäre geraten ins Grübeln. Manche Firmen äußern ebenso sinkendes Vertrauen. "Wir machen uns Gedanken, inwieweit der Neue Markt das richtige Marktsegment dauerhaft ist", tat MobilCom - Chef Gerhard Schmid jüngst kund. Er wittert gezielte Manipulation als Grund für zum Teil heftige Kursschwankungen bei vielen Technologie- und Medienaktien. Manche Händler und Investoren hätten regelrecht "Spaß daran" und dies seien "keine Einzelfälle".

Wiederum andere fühlen sich einfach nur "schlecht behandelt", wenn Analysten ihre Konzepte und Prognosen doch mal in der Luft zerreißen. Nach Meinung von DG Bank-Chefanalyst Karl Eugen Reis spiegelt dies "mangelnde Professionalität" wider. Erst stopften sich viele dieser Börsen-Senkrechtstarter in kurzer Zeit die Taschen voll und würden rasch zu mehrfachen Millionären. Wenn es mit dem Kurs bergab ginge, komme dann das Jammern. Fest steht allerdings auch: Die Bank gewinnt fast immer - gleich ob der Börsengang ein Flop oder ein Erfolg.

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