Schutzvereinigung sieht wachsende Probleme am Neuen Markt
Aktionärsschützer ermahnen die Banken

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht am Aktienmarkt noch immer eine Reihe von Defiziten für Kleinanleger. Insbesondere der Neue Markt sei bei nachlassender Qualität der Unternehmen wenig transparent und berge weit überdurchschnittlich hohe Risiken.

kv DÜSSELDORF. "Aus Sicht der privaten Aktionäre liegt im Neuen Markt einiges im Argen." Nach den Worten von DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker betreffen 80 % aller "kritischen Anrufe", die Aktionäre an die Schutzvereinigung richten, dieses Marktsegment. "Die Probleme werden ständig größer", sagte Hocker vor der Presse in Düsseldorf.

Die DSW halte es für dringend erforderlich, dass auch im Neuen Markt Großaktionäre bei Erreichen bestimmter Schwellenwerte Aktienkäufe und-verkäufe melden, wie dies für den Amtlichen Handel vorgeschrieben ist (§ 21 Wertpapierhandelsgesetz). "Es kann nicht angehen, dass die jungen Herren sich stillschweigend aus ihrem Unternehmen verabschieden", so Hocker. Er fordert ferner die Banken auf, bei der Auswahl der Neuemissionen kritischer zu sein. Die "Lust auf Provisionen" dürfe nicht so groß werden, dass "unbrauchbare Unternehmen" an die Börse kämen.

Hocker bemängelte zudem, dass die Börsenprospekte, die für Emittenten verbindlich sind, meist keinerlei Prognosen zur weiteren Geschäftsentwicklung enthielten. Diese seien den auf "Hochglanzpapier gedruckten Analysen" vorbehalten, deren Inhalt für die Zeichner völlig unverbindlich sei. Zudem lägen die Bankenanalysten mit ihren Meinungen zuweilen "sehr deutlich neben der realen Entwicklung", vor allem wenn sie aus den Konsortialbanken kämen.

Hocker geht davon aus, dass die Fälle Gigabell, die erste Pleite am Neuen Markt, und Informatec, wo Staatsanwälte ermitteln, keine Einzelfälle bleiben. Es sei damit zu rechnen, dass weitere Unternehmen zusammenbrechen. Dies sei für ein Segment wie den Neuen Markt zwar normal. Entscheidend sei aber, dass bei Insolvenzen, die mit kriminellen Handlungen zu tun hätten, hart durchgegriffen werde.

DSW-Geschäftsführerin Jella Benner-Heinacher beklagte die zunehmend mangelnde Präsenz auf den Hauptversammlungen. Der Durchschnitt bei den Dax-Werten sei von 1998 bis 2000 von knapp 61 auf gut 54 % gefallen. Eine Hauptversammlungsmehrheit sei damit bereits mit gut 27 % Anteilen des Unternehmens gesichert.

Deshalb sei das geplante Übernahmegesetz zu kritisieren, wonach ein Großaktionär erst dann ein Abfindungsangebot machen müsse, wenn er 30 % oder mehr der Gesellschaft besitze. Übernahmen würde somit erleichtert. Die Quotenregelung sollte deshalb mit einer Öffnungsklausel nach unten versehen werden, so Benner-Heinacher.

An vielen Unternehmen der Old Economy sei die positive allgemeine Kursentwicklung nahezu spurlos vorbeigegangen. Obwohl immer mehr Unternehmer an die Börse drängten, nehme auch die Zahl der Delistings (Einstellung der Aktiennotierung) immer mehr zu. In der Regel funktioniere das Delisting dadurch, dass ein neuer Großaktionär den außenstehenden Aktionären ein freiwilliges Übernahmeangebot unterbreitet. Der "gewaltige Pferdefuß" bestehe darin, dass eine gerichtliche Überprüfung nicht möglich sei. Bei allen anderen Fällen, in denen ein Abfindungsangebot vorgeschrieben ist, könne die Höhe durch ein gerichtliches Spruchverfahren überprüft werden. Benner-Heinacher verlangt, dies auch beim Delisting vorzuschreiben.

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