Schutzzölle der USA sorgen für stabile Preise in Europa
Flaue Konjunktur verunsichert Stahlbranche

Die Stahlhersteller haben ihre Prognosen für das laufende Jahr angehoben, aber wegen der allgemeinen konjunkturellen Unsicherheit direkt mit einem Fragezeichen versehen.

tom ROM. Ian Christmas, Generalsekretär des International Iron and Steel Institute (IISI), schränkte auf der Jahrestagung der Stahlproduzenten in Rom die neuesten Zahlen für die Entwicklung der Branche sofort wieder ein: "Wir wissen nicht, ob wir uns langfristig in einem positiven oder negativen Markt befinden," erklärte er. Die wirtschaftlichen Aussichten verschlechterten sich von Woche zu Woche. Die Prognose für den Stahl könne daher nur als "optimistisch" verstanden werden.

Für 2002 rechnet das IISI mit einem um 4,2 % höheren Weltstahlverbrauch. Im nächsten Jahr werde der Absatz um weitere 4,9 % auf dann 841 Mill. Tonnen anziehen. Noch im Frühjahr waren die Experten von einem Anstieg von 2 % für 2002 sowie 3,5 % für 2003 ausgegangen. Zur Frage, wie belastbar die neue IISI-Prognose ist, wollte Christmas sich nicht äußern.

Treibende Kraft der globalen Stahlnachfrage ist China. Dort zog der Verbrauch allein in diesem Jahr um 14,8 % an, für 2003 erwartet das IISI weitere 10,3 % Wachstum. Ohne China nahm der weltweite Stahlverbrauch in diesem Jahr um bescheidene 1,2 % zu.

Hinzu kommt: Experten und Unternehmenslenker tun sich grundsätzlich schwer mit Prognosen zum chinesischen Markt. Größen, wie die Shanghai Baosteel Corporation, der Branchenprimus im Reich der Mitte, sind bisher nicht im Weltverband IISI vertreten, weil Peking nach wie vor die Stahlhersteller im Land mehrheitlich kontrolliert. Akira Chihaya, Präsident des größten japanischen Stahlherstellers Nippon Steel, jedenfalls glaubt an einen anhaltenden Stahl-Boom beim großen Nachbarn, dessen Bedarf vor allem in der Bauindustrie und bei der Entwicklung der Infrastruktur gewaltig ist. Hinzu komme, so Chihaya: "Die chinesischen Unternehmen beweisen, dass sie in der Lage sind, die neuesten technischen Trends schnell aufzugreifen und umzusetzen."

Mit großem Interesse schaut die Branche auch in die USA. Die US-Zölle auf Stahleinfuhren hemmen nach Ansicht vieler Top-Manager die überfällige Konsolidierung der maroden US-Industrie. Im Schutz der 30-prozentigen Importsteuer hat sich die US-Industrie nach einem rasanten Preisanstieg wieder erholt - der längst fällige Abbau von Überkapazitäten unterblieb. Allerdings, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, hätten die Schutzzölle auch die Preiserhöhungen der europäischen Unternehmen psychologisch gestützt.

Ulrich Middelmann, Chef von Thyssen-Krupp Steel, erwartet denn auch, dass es bei den nächsten Gesprächen mit den US-Behörden im November weitere Ausnahmen für Produkte europäischer Unternehmen geben wird. Ähnlich wie Arcelor, der weltgrößte Stahlkonzern, der gerade die Gespräche mit dem drittgrößten US-Stahlkonzern Bethlehem Steel abgebrochen hat, will sich Thyssen-Krupp aber nicht stärker in den USA engagieren, sondern die bestehenden Standorte produktiver machen, dafür aber in China expandieren. Auch in Polen, das seine Stahlindustrie vor dem EU-Beitritt privatisieren muss, sei man daher nur ein "Beobachter", so Middelmann.

Thomas J. Usher, Chef des größten US-Stahlkonzerns United States Steel Corporation (US-Steel), begnügt sich damit nicht. "Wir sind sehr an Polen interessiert," sagte er dem Handelsblatt. US-Steel hat bereits im slowakischen Kosice einen großen Standort übernommen, Osteuropa sei wegen seines Wachstums und seiner strategischen Bedeutung "heiß", so Usher. Mit dem Schritt dorthin habe US-Steel nach dem Beitritt Polens auch einen guten Stand in der EU. Bevor sich der Konzern aber um Allianzen mit etablierten europäischen Unternehmen kümmere, wolle man sich ganz auf Übernahmen in den USA konzentrieren.

Schon im nächsten Jahr rechnet Usher mit einigen Verschiebungen auf dem US-Markt: "Die Großen werden die Kleinen fressen." Allein 34 Stahlhersteller befinden sich zur Zeit in Insolvenz. Anders als Middelmann glaubt Usher jedoch nicht an ein schnelles Ende der Importzölle nach den US-Kongress-Wahlen im November: "Die Abgaben werden vielleicht auf 24 % sinken, alles andere würde mich sehr überraschen."

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