Schwache Nachfrage begrenzt Spielräume für Preiserhöhungen
Keine Angst vor der Lohn-Preis-Spirale

Ein hoher Lohnabschluss der IG Metall gefährdet Konjunktur und Arbeitsplätze. Denn die Unternehmen können höhere Löhne nicht an die Kunden weitergeben - damit sinken Gewinne und Investitionen. Die Furcht vor einer Lohn-Preis-Spirale, die zu raschen Zinserhöhungen führen könnte, bleibt daher gering.

dc/huh/ost/pbs DÜSSELDORF. Der Streik in der Metallindustrie und die Gefahr eines überhöhten Tarifabschlusses bedrohen nach Ansicht der Europäischen Zentralbank (EZB) vor allem die Konjunktur. Der negative Effekt auf die Inflation dagegen wird im Vergleich dazu geringer sein.

"Überzogene Lohnerhöhungen könnten zusätzlichen Kostendruck erzeugen mit möglichen Folgen nicht nur für die Preise, sondern - in größeren Ausmaß - für Beschäftigung und Wachstum", hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg jüngst gewarnt. Auf Nachfrage sprach er ausdrücklich Deutschland an: "Ich bin sicher, dass die Deutschen deutlich verstehen, vorauf ich anspiele."

Bankenvolkswirte sehen die Sache ähnlich. Selbst hohe Metall-Abschlüsse setzen aus ihrer Sicht keine Lohn-Preis-Spirale in Gang. Das Hauptargument der Inflationsoptimisten: Wegen der schwachen Konjunktur können die Unternehmen am Markt keine höheren Preise durchsetzen. Allerdings: "Irgendjemand muss die Kosten ja tragen", betont Gregor Beckmann, Volkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Folge: Die Gewinne der Unternehmen geraten unter Druck - mit negativen Folgen für Konjunktur und Arbeitsplätze.

Auch Thomas Mayer, Deutschland-Volkswirt bei Goldman Sachs, sieht diese Gefahr. "Die Firmen haben weniger Mittel für Investitionen, außerdem wächst der Druck, die Kosten zu senken". Mayer sieht Parallelen zu 1995, als die D-Mark extrem aufwertete und hohe Abschlüsse in der Metallindustrie zusammen kamen. "Beides würgte Aufschwung und Beschäftigungsaufbau ab, die Inflation war nicht berührt."

Einige Ökonomen sind allerdings skeptischer: "Metallabschlüsse von vier plus X haben natürlich keinen positiven Einfluss auf die Inflation", sagt Harald Jörg, Volkswirt bei der Dresdner Bank. Jörg Hinze, Konjunktur-Experte beim Hamburgischen-Weltwirtschafts-Archiv (HWWA) sieht einen Abschluss von 4 % oder mehr als Bedrohung für die Preisstabilität. "Dann könnte der Druck auf die EZB wachsen, die Leitzinsen zu erhöhen".

Wie groß die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist, darüber entscheidet letztlich nicht die Tariferhöhung, sondern die Entwicklung der Effektivlöhne. Und die ist beispielsweise in der Automobilindustrie teilweise hinter der Prozentzahl des Tarifabschlusses zurückgeblieben. Bei Daimler-Chrysler etwa gibt es eine Betriebsvereinbarung, wonach statt 100 % nur 92 % der Tariferhöhung weitergereicht werden. Ergebnis: Die Gehälter stiegen im vergangenen Jahr statt den von IG Metall und Metallarbeitgebern ausgehandelten 2,1 % nur um 1,93 %. Da die Betriebsvereinbarung noch bis Ende dieses Jahres gilt, werden die Daimler-Beschäftigten auch diesmal effektiv weniger bekommen als der Tarifabschluss suggeriert.

Noch größer ist die Diskrepanz bei der krisengeschüttelten Opel AG. Von den tarifvertraglichen 2,1 % wurden 1,25 Prozentpunkte abgezogen, so dass den Beschäftigten vergangenes Jahr nur eine Lohnerhöhung von 0,85 % blieb. Bei BMW und Porsche wird der Tarifabschluss zwar voll weitergegeben, allerdings nur auf die tariflichen Entgeltbestandteile. Übertarifliche Einkommen wie etwa Leistungszulagen, Teile des Weihnachtsgelds und Erfolgsprämien blieben unberücksichtigt, weshalb auch dort die effektive Entgelterhöhung bisher unter der tariflichen lag.

Am zweiten Streiktag in der Metall- und Elektroindustrie waren gestern 22. Betriebe in Baden-Württemberg betroffen. Ein Schwerpunkt lag in der Aluminiumverarbeitung. Aus der Elektroindustrie wurden Varta und Bosch-Siemens Hausgeräte bestreikt sowie der Medizintechnik-Hersteller Aesculap. Nach Angaben der IG Metall legten insgesamt rund 13 000 Beschäftigte die Arbeit nieder. Am kommenden Montag oder Dienstag soll der Arbeitskampf auf Berlin und Brandenburg ausgeweitet werden.

Weder bei der Gewerkschaft noch bei den Arbeitgebern gab es gestern Bewegung an den verhärteten Fronten. Die IG Metall pocht weiterhin auf ein verbessertes Angebot als Voraussetzung für neue Verhandlungen, die Arbeitgeber lehnen dies unverändert ab.

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