Schwache Zuschauerresonanz
Fest ohne Gäste

Stell Dir vor, es ist Olympia – und keiner geht hin. Die Hoffnungen, dass viele Griechen in der zweiten Wettkampfwoche aus ihrem Urlaub zurückkehren und die Sportveranstaltungen besuchen, haben sich leider nicht erfüllt.

Das Leben hat zwei Seiten, das gilt auch für die Olympischen Spiele. Von der einen Seite berichten die Schönredner: Perfekte Organisation, flüssiger Verkehr, schicke neue Stadien, fröhliche Stimmung: "Alles wunderbar", meldet also die Schönwetter-Fraktion. Dazu gehören in erster Linie griechische Medien, die eine gewisse Nähe zum Athener Organisationskomitee schwer leugnen können. Die andere Seite wird vertreten von kritischen Geistern, die sich allzu häufig an die überragenden Sydney-Spiele 2000 erinnern: "Früher war alles besser", heißt deren Credo. Sie spüren in Athen jede staubige Baustelle auf, von denen es abseits der Stadien zweifellos noch eine Menge gibt. Sie blicken tief in den Dopingsumpf, der in erster Linie den Griechen die Freude an den Spielen nimmt. Und sie zählen penibel auf den Zuschauerrängen durch - mit dem Ergebnis, dass die meisten Wettkampfstätten nicht mal zu einem Drittel gefüllt sind.

Stell Dir vor, es ist Olympia - und keiner geht hin. Die Hoffnungen, dass viele Griechen in der zweiten Wettkampfwoche aus ihrem Urlaub zurückkehren und die Sportveranstaltungen besuchen, haben sich nicht erfüllt. Nun müssen selbst die Schönredner einräumen, dass sich die vielen freien Plätze auf den Tribünen zum Stimmungstöter der Spiele entwickeln. Besonders hart trifft es die Randsportarten: "Es kommen einfach keine Zuschauer. Es ist, als ob man auf dem Mond spielt", versucht sich Dieter Kespohl, Präsident des Deutschen Badminton-Verbands, in Galgenhumor. Doch selbst die großen Schwimm-Finals, ein Highlight dieser Spiele, waren nicht ausverkauft: "Bei der Siegerehrung waren oft nur noch die Familien der Athleten da. Das haben sie nicht verdient", schimpft Klaus Steinbach, Chef des deutschen Nationalen Olympisches Komitees. Olympia 2004 ist ein Fest, bei dem die eingeladenen Gäste fehlen. Das ist schade - und nach elf Wettkampftagen nicht mehr schönzureden.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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