Schwacher Dollar unterstützt Preisanstieg
Investoren sehen Gold wieder als Zufluchtsort

Der Anstieg des Goldpreises ist ins Stocken geraten - allerdings auf hohem Niveau. Noch sind sich Experten nicht einig, ob der Weg für weitere Preissteigerungen frei ist. Zu groß ist die Palette der Einflussfaktoren.

HB DÜSSELDORF/ FRANKFURT. Sinkende Aktienkurse, ein fallender US-Dollar, politisch instabile Weltregionen, die Verunsicherung der Investoren durch Bilanzskandale - vor diesem Hintergrund kommt Gold als Zufluchtsort und Werterhaltungsmedium bei vielen Anlegern wieder in Mode. Daran ändert auch nichts, dass der Preis des gelben Metalls von seinen Höchstständen bei 330 $ je Feinunze leicht abgebröckelt ist und nun bei 316 $ notiert. Doch die Kernfrage ist: Droht Gold bei einem Börsenaufschwung der Kollaps oder legt der Preis weiter zu?

"Der enorme Vertrauensverlust bei den Anlegern ist der entscheidende Faktor am Goldmarkt", sagt Gerhard Schubert von WestLB Research in London. Durch die Bilanzskandale der jüngsten Zeit seien bei den Anlegern Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Unternehmensbilanzen aufgetaucht. Gold habe daher seinen nach dem 11. September erhaltenen Status als "sicherer Hafen" stärken können. "Der Mythos vom Gold als wertbeständige Investition in Krisenzeiten lebt erneut auf", bestätigt Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen.

Auch Kevin Crisp von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) in London hat beobachtet, dass Gold erstmals seit Jahren wieder "als Vermögensklasse attraktiv" geworden ist. Allerdings hätten sich die Investoren bisher noch nicht klar entschieden, wo sie ihr Geld anlegen wollen. Die jüngsten Preisausschläge seien auf spekulative Käufe - insbesondere aus den USA - zurückzuführen. Zurzeit "gibt es aber kein neues Geld, das in den Goldmarkt fließt", sagt der DKW-Stratege.

"Die Investoren schauen nun auf Gold und seine Qualität. Aber das tatsächliche Engagement braucht Zeit", erklärt Crisp. Dabei habe Gold "einige interessante Attribute für ein Portfolio". Als Beimischung im Portfolio könne es die Volatilität (Wertschwankung) und damit das Gesamtrisiko des Depots verringern. Denn Gold als Dollar-basiertes Investment entwickele sich gegensätzlich zu anderen Dollar-Anlagen. Wenn die Aktienkurse fallen, steige Gold. Dadurch werde eine gewisse Balance erzielt.

Zu dem wachsenden Interesse an Gold gibt es einen vermeintlichen Widerspruch: Die Nachfrage nach physischen Einheiten ist im ersten Halbjahr geschrumpft. "Die Volatilität ist bei der Kursentwicklung genauso wichtig wie der tatsächliche Preis", erläutert Crisp dazu. Da physisches Gold vor allem auch als Industriemetall gefragt ist, verringern starke Preisschwankungen die Nachfrage. Der Grund: Die industriellen Abnehmer benötigen eine gewisse Sicherheit bei ihrer Kalkulation, so dass sie sich mit ihren Orders entsprechend vorsichtig verhalten.

Leicht abgeebbt ist der Goldfluss im ersten Halbjahr beispielsweise auch in traditionelle Nachfrageländer wie etwa Indien und einige südostasiatische Staaten. Das Fehlen funktionierender Banksysteme in diesen Regionen ist nach Ansicht von Hans-Jürgen Klisch vom Finanzhaus Raymond James ein wesentlicher Faktor für die Werterhaltungs-Funktion, die Gold in diesen Ländern einnimmt. Dies dürfte sich zunächst nicht ändern, meint Klisch.

Fraglich ist eher, ob die Investoren ihr Anlageverhalten bei Gold ändern. Ob sie sich aus ihrem "Investitionsnotstand" heraus, wie Claudia Windt die aktuelle Situation beschreibt, für Gold oder Goldprodukte entscheiden. "Angesichts der Unsicherheit in anderen Anlagesegmenten sehen wir in Gold derzeit eine eher risikolose Anlage", sagt der Münchener Vermögensverwalter Jens Ehrhardt.

Aber auch von der Entwicklung des US-Dollars hängt ab, in welcher Richtung es mit dem Goldpreis weiter geht. Die Schwäche des Greenbacks werten Benedikt Köhler vom World Gold Council in London und Michael Durose vom Finanzhaus Morgan Stanley in New York als einen Auslöser für die Goldhausse der vergangenen Monate. Der Preisanstieg sei eng mit der Dollar-Talfahrt verbunden gewesen, sagt Köhler. Eine anhaltende Dollar-Schwäche sollte den Goldpreis weiter begünstigen, prognostiziert Durose.

Dass die Renaissance des gelben Edelmetalls für die meisten Analysten völlig überraschend kam, zeigte sich in den vergangenen Monaten, als die Experten durch die Marktentwicklung immer wieder gezwungen waren, ihre Preisprognosen nach oben zu schrauben. Jetzt hat auch Edelmetall-Analyst Durose seine Erwartungen weiter nach oben korrigiert. Für das Jahr 2002 hob er seine Schätzung von 301 $ auf 310 $ je Feinunze an - ein Preisniveau, das auch Brian Christie vom kanadischen Brokerhaus Canaccord Capital prognostiziert. Für das Jahr 2003 erhöhte Durose seine Erwartungen von 310 $ auf 325 $ und für das Jahr 2004 von bisher 325 $ auf 335 $.

Optimistischer sind Kevin Crisp und Gerhard Schubert. Crisp rechnet bereits für das Jahresende mit einem Goldpreis von 330 $. Er begründet dies unter anderem damit, dass auch "die Probleme an den Finanzmärkten nicht über Nacht gelöst werden". Einen Boden sieht er für Gold bei Preisen von rund 300 $; bei einem Niveau von etwa 310 $ besteht seiner Ansicht eine interessante Einstiegsmöglichkeit in den Markt. Und Gerhard Schubert sagt sogar: "In zwölf Monaten steht der Goldpreis bei 350 $ je Feinunze."

Im Hinblick auf eine goldene Zukunft herrscht an den Märkten indes Dissens. "Ich habe in meinem 27-jährigen Berufsleben in der Edelmetallbranche noch niemals zuvor am Goldmarkt einen solch starken Einfluss positiver makroökonomischer und markttechnischer Faktoren erlebt wie derzeit", so Lenoard Kaplan, Metall-Experte von Prospector Asset Management. Doch wenn sich die Lage an den Finanzmärkten nicht weiter zuspitzt und es keine Schocks von geopolitischer Seite gibt, dürfte das "glänzende" erste Halbjahr am Goldmarkt so schnell keine Fortsetzung finden, meinen die Experten der BHF-Bank. "Es ist fraglich, ob es nochmals zu einer solchen Ballung von Krisenfaktoren wie im ersten Halbjahr 2002 kommen wird", wenden sie ein. Schon die Gewöhnung an so manchen Konflikt könne die "safe-haven"-Funktion des Goldes einschränken.

Dass immer noch hohe Bestände der internationalen Notenbanken als eine Art Bedrohung über dem Goldmarkt hängen, sieht die BHF-Bank als möglichen Belastungsfaktor. EZB-Präsident Duisenberg habe Goldverkäufen durch nationale Notenbanken der Euro-Zone zuletzt keine Absage erteilt. Zuvor hatte Bundesbankchef Ernst Welteke das Thema Goldverkäufe der Bundesbank im Rahmen eines Zentralbankabkommens angerissen. Einige Fachleute sehen mögliche Goldverkäufe der Notenbanken aber inzwischen gelassen. "Der Markt braucht diese Abgaben der Notenbanken", sagt Schubert mit Hinweis auf das seit Jahren bestehende Angebotsdefizit am Goldmarkt.

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