Schwacher Kapitalmarkt drückt die Verzinsung der Versichertenguthaben
Renditen der Versicherungen am seidenen Faden

In wenigen Wochen wird es ernst: Dann entscheiden die Lebensversicherer über die Verzinsung der Versichertenguthaben für das kommende Jahr. Die meisten werden statt der sechs dann wohl nur noch eine fünf vor dem Komma haben, schätzen Experten.

DÜSSELDORF. Dabei hängen die Renditen diesmal nicht bloß vom Kapitalmarkt ab. Vielmehr spielen Bilanzhilfen, wie der vergangenes Jahr eilig abgeänderte § 341b im Handelsgesetzbuch, eine wichtige Rolle, bestätigt Klaus Bohn, Chef der Mannheimer Lebensversicherung gegenüber dem Handelsblatt.

Der Hintergrund: Um die Märkte vor einer Verkaufswelle der Versicherer zu bewahren, hat die Regierung im vergangenen Herbst eigens den § 341b im Handelsgesetzbuch (HGB) geändert. Kernpunkt: Fällt der Wert einer Aktie unter den Einkaufspreis, kann eine Abschreibung unterbleiben, wenn der Wertverlust als vorübergehend gilt.

Die Versicherer hielten zum Zeitpunkt der Debatte um die Einführung dieser Bilanzhilfe jede dritte deutsche Aktie in ihren Büchern. Entsprechend stark waren sie von den Kursverlusten nach dem 11. September betroffen. Zum Bilanzstichtag hätten sie ohne die neue Hilfe ihre Verluste abschreiben oder realisieren, sprich Aktien verkaufen müssen.

Doch dank der neuen Regelung konnten Gewinn mindernde Abschreibungen unterbleiben. Nur so konnten viele Lebensversicherer eine noch stärkere Absenkung der Gewinnbeteiligung ihrer Kunden vermeiden. Etwa die Hälfte aller Lebensversicherer hat von der Bilanzhilfe Gebrauch gemacht.

Einige Versicherer könnten sich dabei übernommen haben. So hat beispielsweise die am 2. Juli von der Aufsicht unter Zwangsverwaltung gestellte Familienfürsorge Lebensversicherung a.G. Wertpapiere mit einem Buchwert von 396 Mill. Euro nicht auf die gefallenen Marktwerte abgeschrieben. Insgesamt standen Ende 2001 Kapitalanlagen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro in ihrer Bilanz.

Ein Blick auf die Kapitalanlagerentabilitäten mit und ohne Bilanzhilfe verrät auch bei anderen Gesellschaften große Unterschiede. So hat zum Beispiel die Mannheimer Leben offiziell eine Nettoverzinsung von 5,5 % - ohne Bilanzhilfe hätte sie nur 2,03 % betragen. Bei der Hannoverschen Leben ein ähnliches Bild: 4,76 % gegenüber 2,64 %. Auch Marktführer Allianz hat die Hilfe in Anspruch genommen. Der Unterschied macht bei ihr aber nur 0,2 Prozentpunkte aus.

Doch die verschleppten Abschreibungen könnten sich in diesem Jahr rächen, befürchten Fachleute. Der springende Punkt ist, dass die Politur nur auf Papiere anwendbar ist, die die Versicherer "auf Dauer" halten und deren Kursrückgang "vorübergehend" ist. Welcher Rückgang aber "vorübergehend" oder "dauerhaft" ist, darüber diskutieren die Versicherer jetzt heftig mit ihren Wirtschaftsprüfern.

Mit dem Abschätzen von Aktienkursentwicklungen "schlüpfen die Wirtschaftprüfer in die Rolle von Analysten", kritisiert Chefanalyst Carsten Zielke von WestLB-Panmure. Er befürchtet: "Der §341b HGB kann zum Bumerang werden." Vermeiden die Versicherer Ende des Jahres erneut Abschreibungen auf ihren Aktienbesitz, verliere die Branche ihre Glaubwürdigkeit. "Intransparenz wird von Investoren nicht mehr akzeptiert", warnt Zielke.

"Hoffnung auf steigende Kurse sei keine Rechnungsgrundlage", mahnt auch die Aufsichtsbehörde. Sie hat ihren Druck auf die Versicherer wegen zu hoher Aktienbestände in den letzten Wochen offenbar verstärkt. Dementsprechend setzen die Verkaufsaufträge der Branche derzeit die Börsen unter Druck. "Die Versicherer haben dieses Jahr nicht zuletzt auf Druck der Aufsichtsbehörde ihre Aktienanteile an den Kapitalanlagen deutlich reduziert, um die damit verbundenen Risikopositionen zu vermindern", registriert Versicherungswissenschaftler Dieter Farny aus Köln.

Konsequenz: "Die Lebensversicherer müssen ihre Gewinnbeteiligungen zurücknehmen", fordert Farny. Gleicher Meinung ist Analyst Zielke. Die spannende Frage ist nur, ob Marktführer Allianz-Leben wieder den Anfang macht. Traditionell starren alle in der Branche auf die Allianz, wie das Kaninchen auf die Schlange. Bislang heißt es in Stuttgart aber: "Wir senken nicht."

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