Schwäbischer Kosmopolit
Ein Sunnyboy, der anpackt: Jürgen Klinsmann

Wenn Jürgen Klinsmann etwas in die Hand nimmt, dann packt er richtig zu. Im Fußballjargon heißt das: Er schaltet auf Angriff um und schießt aus allen Lagen. So wie im November 1987, als er per Fallrückzieher eines der spektakulärsten Tore der Bundesligageschichte erzielte. Oder wie im Juli 2004, als er sich mit deutlichen Worten den Posten des Bundestrainers erkämpfte.

Klinsmann war als "Botschafter" für Mastercard bei der Europameisterschaft und tat nebenbei das, was er nach Ansicht vieler Fans in Deutschland neben Fußball spielen besonders gut kann: Er gab den Sunnyboy. Kein Problem für den Deutschen, der als Spieler so viele Titel sammelte: Klinsmann wurde Weltmeister, Europameister, zweimal Uefa-Cup-Sieger. Er wurde Deutscher Meister, dreimal Fußballer des Jahres, einmal gar in England.

Doch als die deutsche Elf kläglich ausschied und Teamchef Rudi Völler hastig zurücktrat, schüttelte der Schwabe die gute Laune ab und machte Bayern-Manager Uli Hoeneß im Granteln Konkurrenz. "Man muss den ganzen Laden auseinander nehmen", sagte Klinsmann und meinte den Deutschen Fußball Bund (DFB). Jeder Stein beim DFB müsse umgedreht werden. Dessen Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder blamierte sich gerade bei der Suche eines Nachfolgers.

Klinsmann legte los: Erst schrieb er eine Kolumne im Fachblatt "Kicker" ("Die Mannschaft braucht einen Teammanager"), dann gab er Schlag auf Schlag vier großen Zeitungen Interviews, jedes Wort ein Hieb ins Gesicht des DFB. Der hatte inzwischen eine Trainer-Findungskommission eingesetzt und dilettierte weiter. Diesmal in Person von Franz Beckenbauer, der munter Kandidatennamen ausplauderte. Von Otto Rehhagel über Wilfried Schäfer bis zu Lothar Matthäus. Immer wieder Matthäus, denn der war scheinbar der Einzige, der das Amt überhaupt antreten wollte: "Ich stehe bereit." Klinsmann dagegen, den das britische Blatt "Observer" einmal als den "coolsten Deutschen seit Marlene Dietrich" bezeichnet hatte, stach weiter auf den DFB ein und verneinte schlitzohrig jede Frage nach eigenen Ambitionen auf einen Verbandsposten. Erst nach vielen Geheimabsprachen war es am 20. Juli vorbei mit der Zurückhaltung: In New York einigte sich der "Strahlemann" mit Mayer- Vorfelder. Und Matthäus? Der gab den schlechten Verlierer und grantelte nun in Anspielung auf Klinsmanns und MVs Heimat: Die Lösung sei das Ergebnis einer "Stuttgarter Führungsspitze".

Die kann man getrost um Jogi Löw ergänzen, den Co-Trainer, den Klinsmann selbst aussuchte. Das war einer seiner ersten Streiche, denn der DFB war sich schon mit Holger Osieck einig. Klinsmann räumte weiter auf: Er degradierte Uli Stielike und beförderte stattdessen Dieter Eilts zum U-21-Trainer. Später feuerte "Klinsi" Torwarttrainer Sepp Maier und setzte sich im Streit um das WM-Quartier durch.

Die Ereignisse im Juli 2004 geben viel vom Menschen Klinsmann preis. Denn der so gern als Bäckersohn bezeichnete Schwabe ist beileibe nicht nur ein Sonnyboy. In Verhandlungen gilt er als hart. Er gründete aber auch ein Hilfswerk für bedürftige Kinder und eine Stiftung für den Jugendfußball. Der 40-Jährige ist inzwischen mehr Kosmopolit als Schwabe, dennoch ist er stolz auf seine Heimat. Das zeigt er auch: auf seiner Homepage (www.klinsmann.us) unter "family bakery".

Klinsmann, der am Ende seiner Karriere nach Los Angeles zog, spielte dort klammheimlich auch noch Fußball: Unter dem Decknamen Jay Goeppingen stürmte er für den Lokalverein Newport Beach. Nun ist Jay (Jürgen) Goeppingen (seine Geburtsstadt) Bundestrainer. Und packt richtig zu.

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