Schwäche in allen Sektoren: Wall Street stürzt im freien Fall

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Schwäche in allen Sektoren: Wall Street stürzt im freien Fall

Im freien Fall stürzte die Wall Street am Dienstag, nachdem zahlreiche schlechte Nachrichten aus allen Sektoren den Anlegern jede Kauflust verdorben hatten. Der Dow Jones Index verlor 248 Punkte oder 2,5 Prozent und landete unsanft auf 9618 Punkten. Die technologie-lastige Nasdaq verlor 51 Punkte oder 2,6 Prozent auf 1892 Punkte.

Von der zunächst freundlichen Tendenz am Morgen wollte im Verlauf des Dienstags niemand mehr etwas wissen. Das US-Verbrauchervertrauen, das gestiegen ist und die Erwartungen der Analysten übertroffen hat, hatte dem Markt schon am Vormittag keine Kraft geben können. Dass Investoren auf eine Reihe wichtiger Marktdaten warten, die bis Ende der Woche häppchenweise serviert werden, machte die Situation auf dem Parkett nicht einfacher. Allerdings wird Events wie US-Präsident George W. Bushs Bericht zur Lage der Nation am späten Abend oder der Stellungnahme von Alan Greenspan nach der zweitägigen Fed-Konferenz am Mittwoch angesichts katastrophaler Meldungen aus dem Energie-, dem Finanz-, dem Industrie- und dem Techsektor eine andere Bedeutung beigemessen. Ihr Optimismus - Politik hin, Zinssenkung her - wird dem Markt nicht wie erhofft Flügel verleihen.

Den Abwärtstrend hatten am Morgen die Industrie-Schwergewichte Honeywell und US Steel vorgezeichnet. Bei Honeywell ist der Gewinn im vierten Quartal um 53 Prozent eingebrochen. Das Unternehmen hält zwar an den Erwartungen für 2002 fest, senkt aber die Prognosen für das laufende und das nächste Quartal. United States Steel weist einen deutlich höheren Verlust aus al erwartet. In 2002 rechnet man mit einer weiterhin schwachen Nachfrage nach dem Rohstoff und baut auf ein Abkommen mit der Konkurrenz: Die großen US-Stahlproduzenten wollen die Produktionsmengen zurückzufahren, um Kosten zu sparen und Lagerbestände abbauen zu können. Honeywell verlor 2,7 Prozent, US Steel gab 1,6 Prozent ab.

Zu den größten Verlieren an der Wall Street gehörte die Aktie des Energietraders Williams, die 23 Prozent verlor. Das Unternehmen hat seinen Termin für die Bilanzkonferenz verschoben und angekündigt, man werde die Erwartungen der Wall Street deutlich verfehlen. Außerdem hat das Unternehmen Schwierigkeiten mit der Buchhaltung: Unklar ist, wie diverse Schuldenposten und Verluste in Zusammenhang mit der Enron-Pleite zu verbuchen sind. Anleger verloren das Vertrauen und wendeten sich von Aktie und Sektor ab. Zu groß ist die Angst am Markt, nach dem Enron-Skandal ein weiteres Unternehmen im Portfolio zu haben, bei dem es Ungereimtheiten in den Büchern geben könnte. Aktien von Duke Energy, Dynegy und Kinder Morgan verlieren um 5 Prozent.

Neben der Energiebranche brechen die Ölwerte ein. Nicht schuld daran, aber zumindest Anlass dafür ist die enttäuschende Quartalsbilanz, die ChevronTexaco vorgelegt hat. Das Unternehmen hat in den vergangenen drei Monaten einen Gewinn von 47 Cent eingefahren - Analysten hatten mit einem Anteilsplus von 90 Cent gerechnet. Wenig überraschend ist, dass das Unternehmen den rapide gefallenen Ölpreis als Hauptgrund für die Misere ausmacht, doch um diese Entwicklung wusste auch der Markt. Aktien von ChevronTexaco verlieren 4 Prozent. Den Papieren des im Dow notierten Marktführers Exxon Mobil geht es nicht viel besser, sie geben 2,4 Prozent ab. Exxon Mobil, Conoco und Phillips Petroleum hatten bereits letzte Woche Gewinne gemeldet, die zwischen 50 und 80 Prozent unter denen des Vergleichsquartals lagen.

Um fragwürdige Geschäftsführungspraktiken ging es am Dienstag auch bei Tyco . Millionen-Zahlungen an einen leitenden Manager und eine wohltätige Einrichtung beschäftigten die Gemüter der Investoren. Die Aktie von Tyco fällt im Handelsverlauf um 19 Prozent. Und auf dem Parkett wittert man eine Vertrauenskrise. "Bald glauben Anleger, dass sie nicht nur dem System, den Banken und den Analysten nicht trauen können, sondern vor allem den Unternehmen nicht", sagt ein Händler.

A propos Banken: Auch den Finanzsektor traf es im Dienstagshandel hart. Mit der Citigroup, JP Morgan Chase, Fleet Boston, Bank of America und Bank of New York verlieren fünf der größten US-Finanzdienstleister jeweils um 6 Prozent. Nicht besser stehen die Brokerhäuser da: Merrill Lynch verliert 7,7 Prozent, Morgan Stanley, Lehman Brothers, Goldman Sachs und Bear Stearns geben um 5 Prozent ab.

Auf die Tech-Aktien drückte derweil das Papier von WorldCom, einem der größten Anbieter von Ferngesprächen in den USA. Nachdem der Glasfaserspezialist Global Crossing das Konkursverfahren eingeleitet hat und Konkurrent Qwest Communications sowie Service-Provider Level 3 mit schlechten Quartalszahlen und düsteren Ausblicken enttäuschten, befürchten Anleger, dass auch WorldCom in Schwierigkeiten geraten könnte. Auf dem Parkett ging das (später dementierte) Gerücht um, die Rating-Agenturen würden die Kreditwürdigkeit für das Unternehmen auf "Junk"-Niveau herabstufen. WorldCom verlor 13 Prozent.

Wenige Unternehmen beendeten den Tag mit nennenswerten Gewinnen. Im Dow konnten allein SBC Communications und der Merck punkten. Anlegern gefällt was der Pharmakonzern plant: Das Unternehmen will seine Medco-Sparte ausgliedern und gesondert an die Börse bringen. Medco beliefert Apotheken, betreibt die größte Online-Apotheke am Markt und sorgt für 55 Prozent des Merck-Umsatzes. Das Management glaubt, die Aktien durch einen Split attraktiver zu machen und mehr Wert generieren zu können. Merck legt 1 Prozent zu.

Auch Texas Instruments blieb sicher im grünen Bereich. Der Chiphersteller hat im vierten Quartal geringere Verluste eingefahren als erwartet und sagt, die Nachfrage nach Halbleitern steige wieder. Allein der Mobilfunkbereich bleibe weiter schwach, weshalb man für das laufende erste Quartal bei steigendem Umsatz nicht mehr als ein Break-Even ankündigt. Die Analysten sind zufrieden: Merrill Lynch, Morgan Stanley, Salomon Smith Barney, die Credit Suisse First Boston und die Dresdner Kleinwort Wasserstein empfehlen die Aktie zu "kaufen", die Aktie gewinnt 5,4 Prozent.

Überraschungen gab es ferner im Reise-Sektor. Nach Hotel Reservations Network legte auch der Online-Reiseveranstalter Expedia starke Zahlen vor. Der Gewinn des Unternehmens hat sich im abgelaufenen Quartal fast verdoppelt; mit einem Anteilsplus von 31 Cent schlägt man die Erwartungen der Wall Street um 21 Cent. Während der Bereich Flugreisen nach den September-Anschlägen zeitweise eingebrochen sei, habe man mit Hotelreservierungen und Pauschalreisen Verluste mehr als wett machen können. Expedia gewann 10 Prozent.

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