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Schwarz-Weiß aus Hollywood

Erdbeben, Terror-Angst, Vogelgrippe: Der Katastrophen-Reflex des amerikanische Fernsehens funktioniert jeden Tag. "Fear sells", Angst verkauft sich. Nachrichten werden in kleinen Häppchen dargeboten.

Erdbeben, Terror-Angst, Vogelgrippe: Der Katastrophen-Reflex des amerikanische Fernsehens funktioniert jeden Tag. "Fear sells", Angst verkauft sich. Nachrichten werden in kleinen Häppchen dargeboten. Im Hintergrund spielt oft knallharte Rockmusik - akustischer Köder in einer reizüberfluteten Welt. Auf anderen Kanälen läuft Unterhaltung pur: Seifenopern, Quiz-Shows, Action-Filme, Herz-Schmerz-Fetzen.

Ausgerechnet aus Hollywood kommt dieser Tage ein Kontrast-Programm in Schwarz-Weiß. George Clooney, Star-Schauspieler aus der Glitzer-Metropole, hat seinen zweiten Kino-Film gedreht: "Good Night, and Good Luck (www.goodnightandgoodluck.com)." Im Mittelpunkt steht Edward Murrow, ein bekannter US-Nachrichten-Moderator aus den 50er Jahren. Murrow (super gespielt von David Strathairn) hält die Fahne des kritischen Journalismus gegen den kommunistenfressenden Senator Joseph McCarthy hoch. Offen und furchtlos trotzt er allen Einschüchterungs-Versuchen des Sowjet-Hassers. Der kettenrauchende, stets melancholisch dreinschauende TV-Manns der alten Schule lässt sich auch dann nicht von seinem Kurs abbringen, als ihn sein Ober-Boss mangels Werbe-Auftritten auf einen unattraktiven Sendeplatz am Sonntag Nachmittag abschiebt.

Will uns Clooney, der aus seiner Opposition zur US-Regierung keinen Hehl macht, den Spiegel vorhalten? Wird da der Freiheits-Feldzug von George W. Bush in einer historischen Parabel auf die Schippe genommen? Anti-Terror-Gesetze als McCarthysche Paranoia? "Nein, nein", winkt Clooney ab. "Der Film ist nicht eins zu eins auf heute übertragbar."

Die Zuschauer im "Loeb’s Theater" im Washingtoner Stadtteil Georgetown sehen das an jenem Abend anders. Prasselnder Applaus am Ende der Vorstellung. Auch Benjamin Bradlee, der legendäre Chefredakteur der "Washington Post" während der Watergate-Affäre, ist begeistert: "Hervorragend gemacht – künstlerisch klasse", schwärmt er. Leute aus dem Publikum schütteln dem 84-Jährigen, der trotz aller Breitseiten der Nixon-Administration immer hinter seinen Reportern stand, die Hand. "Danke für Ihren Dienst am Land," rufen sie ihm zu. Oder: "Sie sind ein Held." Später steht Bradlee mit dem "Time"-Korrespondenten Matthew Cooper zusammen. Cooper musste kürzlich vor Gericht aussagen, weil ihm Bushs Top-Berater Karl Rove Details über eine CIA-Agentin gesteckt hatte. Gegen Rove wird nun wegen des Verdachts auf Geheimnisverrat ermittelt. Clooney, Bradlee, Cooper, Rove: Zumindest beim Washingtoner Macht-Komplex gibt es gewisse Parallelen.


Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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