Schwarze Kassen bei der Truppe
Soldaten erheben Vorwürfe gegen Bundeswehr-Führung

Mehrere wegen Waffenschmuggels angeklagte Bundeswehr-Soldaten der Kosovo-Truppe KFOR haben vor Gericht schwere Vorwürfe gegen die deutsche Armeeführung erhoben. Einer der Angeklagten sagte am Montag vor dem Landgericht Darmstadt aus, er habe sich zum Schmuggel von Übungsmunition aus dem Kosovo nach Deutschland gezwungen gesehen, weil auf dem Dienstweg kein Ausbildungsmaterial zu bekommen sei.

HB/Reuters DARMSTADT. So müssten deutsche Kampfmittelräumer oft mit untauglichen Holzmodellen üben und bekämen von gegnerischer Munition in der Ausbildung lediglich Fotos zu sehen anstatt mit unschädlich gemachter Munition zu trainieren, sagte der Hauptmann. Deshalb komme es zu Unfällen wie in Afghanistan, wo vor einigen Wochen zwei deutsche und drei dänische Soldaten bei der Explosion einer russischen Flugabwehrrakete ums Leben gekommen waren.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt wirft den drei angeklagten Bundeswehr-Soldaten vor, im Sommer 1999 als Angehörige der KFOR acht Kisten mit Übungs- und scharfer Munition nach Deutschland geschmuggelt zu haben. Sie hätten das Material bei der Räumung einer Kaserne in Prizren entdeckt und entgegen ihrem Auftrag nicht vernichtet, sondern als Drahtbürsten und Verbandsmaterial deklariert mit einer zivilen Spedition nach Deutschland geschickt und damit auch gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen. Einer der Angeklagten, ein Major, war damals Kompaniechef der Panzerpionierkompanie im Lager Suva Reka und hatte nach Auffassung der Ermittler den Transport gebilligt. Seine Mitangeklagten, der Hauptmann und ein Hauptfeldwebel, sind Kampfmittelräumer.

Der Hauptfeldwebel erklärte, die Entdeckung der fremden Übungsmunition in der Kaserne in Prizren habe für die Soldaten "das Paradies" bedeutet. "So etwas haben wir in Deutschland ja nicht", sagte er. Schon vor dem konkreten Räumauftrag in Prizren sei klar gewesen, dass man alles mitnehmen werde, was man zur Ausbildung der Kampfmittelräumer verwenden könne. Unstimmigkeiten gab es in den Aussagen dazu, wer die Mitnahme der scharfen Munition angeordnet hatte. Der Hauptfeldwebel betonte, er habe sich dagegen ausgesprochen, da die Patronenmunition für die Ausbildung von Kampfmittelräumern nicht benötigt werde. Der Hauptmann machte widersprüchliche Angaben.

Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Bundeswehr-Führung, die die Soldaten allein lasse. So gehöre es zwar zu den Aufgaben der Kampfmittelräumer, Minen durch die Entfernung der Zünder zu entschärfen. Dies lasse sich mit den herkömmlichen Übungsminen jedoch nicht trainieren: "Die Übungsminen hatten nicht mal Zünder", schilderte er seine Erfahrung. Am Heimatstandort habe er ab und zu Geld aus anderen Etats abgezweigt und dafür bei einem Elektromarkt Schaltkreise und Kabel beschafft, um einigermaßen realistisches Ausbildungsmaterial zu bauen. Er habe den Transport der Übungsmunition nach Deutschland für sinnvoll erachtet, weil das notwendige Material auf dem Dienstweg nicht zu bekommen seien.

Das Verfahren gegen einen vierten Angeklagten, der ohne das Wissen der anderen mit dem Munitionstransport vier Pistolen mitgeschmuggelt haben soll, wurde wegen dessen schwerer Erkrankung vorläufig ausgesetzt. Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz werden nach Auskunft der Staatsanwaltschaft mit einer Mindesthaftstrafe von einem Jahr geahndet. Ein Termin für eine Urteilsverkündung stand am Montag zunächst nicht fest.

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