Schwarze Schafe
Die hohen Transparenzstandards sind am Neuen Markt eine Stütze

Für die Firmen am Neuen Markt ist nach dem dramatischen Kursverfall eine straffe Konsolidierung unausweichlich. Auch die Budgets für Investor Relations kommen auf den Prüfstand. Der Rotstift sollte dabei aber nicht so heftig kreisen, dass zukünftige Chancen an den Kapitalmärkten verspielt werden.

HB ESSEN. Eine zielgruppenorientierte und qualitativ hochwertige Investor Relations (IR) kann auch unter dem Motto "back to the basics" durchgeführt werden. Nicht jeder Gimmick, mit dem im im Überschwang besonders des Jahres 2000 um Anleger geworben wurde, ist tatsächlich erforderlich. Erforderlich aber sind kontinuierliche Anstrengungen, das Vertrauen in die Unternehmen des Segments zu festigen.

Dies beginnt bei Details wie einer konsequenten Verwendung allgemein bekannter Finanzkennzahlen, setzt sich über die regelmäßige Pflege der Kontakte fort und verlangt vor allem auch eine offene Kommunikation von Geschäftsvorfällen, die man lieber aus der Öffentlichkeit heraushalten würde.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für schwarze Schafe oder spektakuläre Insolvenzen auf dem Neuen Markt verkennt leicht, dass das Regelwerk Neuer Markt den gelisteten Unternehmen Transparenzstandards vorschreibt, die zu den schärfsten der Welt gehören. Lange bevor ein Corporate Governance-Kodex in Deutschland umgesetzt wurde, waren die Unternehmen am Neuen Markt unter anderem verpflichtet, Quartalszahlen zu veröffentlichen, Finanzkalender zu führen und einen internationalen Rechnungslegungsstandard (IAS oder US-Gaap) anzuwenden.

Die Konsequenzen einer zurückhaltenden Informationspolitik lassen in der Regel nicht auf sich warten. Je länger negative Tatsachen zurückgehalten werden - und sei es auch in einer noch so begründeten Hoffnung auf Besserung - desto größer wird der Vertrauensverlust der Kapitalmärkte gegenüber dem Unternehmen sein, wenn sich negative Nachrichten doch schließlich Bahn brechen. Gute IR zeichnet sich jedoch unabhängig vom Inhalt der Botschaft durch eine transparente, zeitnahe und glaubwürdige Kommunikation der Unternehmenszahlen, der Strategie und der Ziele aus.

Falls es zu Zielabweichungen kommt, sollte das klar und nachvollziehbar zu begründet werden. Bei der Formulierung neuer Ziele sollte dann auch deutlich kommuniziert werden, dass punktgenaue Vorhersagen nicht seriös sind, wenn die Technologien dafür zu neu, die Märkte zu jung und das konjunkturelle Umfeld zu unsicher sind. Investoren in unsicheren Märkten sollten ehrlicherweise an der Unsicherheit beteiligt werden.

Die konsequente Durchsetzung einer offenen und klaren Finanzkommunikation erfordert eine organisatorische Verankerung der IR im Unternehmen, die den Anforderungen der Financial Community Gehör verschaffen kann. Denn es benötigt Jahre, um einmal verspieltes Vertrauen wieder aufzubauen. Die hohe Bedeutung von IR auch in kleinen Unternehmen organisatorisch angemessen zu berücksichtigen, erfordert dabei nicht zwangsläufig eine eigene IR-Abteilung.

Gerade kleineren Unternehmen bietet sich die Chance, die IR mit anderen Bereichen zu einer Einheit zusammenzufassen und so zugleich interne Prozesse zu beschleunigen und zu verbessern. Die Verschmelzung der IR mit Public Relations etwa kann eine einheitliche Außendarstellung gewährleisten. Alternativ bietet ein Zusammengehen mit der Unternehmensentwicklung die Möglichkeit, Anregungen von Analysten und Investoren direkt in Verbesserungen umzusetzen.

Alles in allem: Die hohen Transparenzstandards des Neuen Marktes, die unverändert in Zukunft für das Prime Segment gelten werden, in Verbindung mit einer effizienten Gestaltung der IR-Aktivitäten, ermöglicht es auch bei knappen Budgets, einen sehr hohen Standard der Finanzkommunikation aufrechtzuerhalten. Jedes weitere Zusammenstreichen der Aktivitäten würde der allgemeinen Hektik noch ein weiteres Kapitel hinzufügen.

Die bisherige Entwicklung am Neuen Markt in Deutschland bestand im Wesentlichen aus einer völlig überzogenen Kaufhysterie, auf die eine noch heftigere Gegenreaktion folgte. Unabhängig davon, wen daran die Schuld trifft, steht der Beweis eines reifen Umgangs mit jungen Technologiewerten in Deutschland aus. Gern wird auf die Erfahrung der US-Technologiebörse verwiesen. Anleger, die nach dem Start 1972 an der Nasdaq investierten, mussten in den ersten zwei Jahren Kurseinbußen von 65 Prozent hinnehmen.

Gesehen werden sollte schließlich auch, dass für kleinere und mittlere Unternehmen im deutschen System, in dem die Fremdfinanzierung traditionell eine große Rolle spielt, durch die erhöhten Eigenkapitalanforderungen an die Banken (Basel II) große Veränderungen bevorstehen. Unabhängig von der Finanzierungsform verlangen die Kapitalgeber künftig eine größere Transparenz der Unternehmen und eine aktivere Informationspolitik.

Wenn man darüber hinaus davon ausgeht, dass eine Wachstumsfinanzierung über die Börse in Deutschland auch in Zukunft möglich sein muss, spricht viel dafür, dass auch das Investoreninteresse an kleineren High-TechUnternehmen wieder zunehmen wird. Davon werden - auch wenn es nach den Plänen der Deutschen Börse das Segment des Neuen Marktes namentlich nicht mehr geben wird - insbesondere Unternehmen profitieren, die durch eine kontinuierliche und vertrauensbildende IR am Markt sichtbar geblieben sind.

Jörg Chittka ist Leiter IR und PR der Secunet Security Networks AG, Essen, und DIRK-Vorstandsmitglied.

Quelle: Handelsblatt

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