Schwarze Zahlen erwarten Experten in Deutschland nicht vor 2015
Mit UMTS starten Mobilfunker ihr größtes Abenteuer

Die neue Mobilfunktechnik UMTS ist bisher ein Synonym für Geldvernichtung und ein wesentlicher Grund für die Misere der Mobilfunkbranche. Ob das gerechtfertigt ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen, wenn UMTS auf den Markt kommt und der Kunde eine Vorstellung der Milliarden teuren Technik bekommt.

HB DÜSSELDORF. Chris Gent ist wohl etwas voreilig gewesen. Eigentlich hatte er seinen Rückzug als Chef des weltweit größten Mobilfunkkonzerns Vodafone von einer Bedingung abhängig gemacht: "Der kommerzielle Erfolg der neuen UMTS-Technik muss absehbar sein", sagte er noch vor einigen Monaten. Vor zwei Wochen kündigte Gent das Ende seiner Dienstzeit für Mitte 2003 an. Dass dann aber bereits der Erfolg von UMTS auch nur vage zu erahnen sein wird, daran melden selbst eingefleischte Optimisten hinter vorgehaltener Hand Zweifel an.

Im besten Fall gehen Mitte nächsten Jahres die ersten UMTS-Netze in Europa offiziell an Start; die Mobilfunkgesellschaften verkaufen einigen besonders technikverliebten und experimentierfreudigen Kunden die ersten Mobiltelefone für den neuen Standard. Die Geräte stehen aber zunächst nur in begrenzter Stückzahl zur Verfügung - die Auswahl beschränkt sich wohl auf die beiden Hersteller Motorola und Nokia. Und wahrscheinlich wird die nicht ganz ausgereifte Software die Geduld des Kunden arg strapazieren. Zudem wird sich das, was sich mit dem Handy machen lässt, nicht gravierend von dem unterscheiden, was schon heute machbar ist - in erster Linie telefonieren. Mit den Multimedia-Visionen von einst wird UMTS zunächst nicht viel zu tun haben. Die Unternehmen würden die Technik eher dafür einsetzen, ihre Kapazitäten zu erweitern, sagt Julian Hewett, Analyst bei der britischen Marktforschungsgesellschaft Ovum voraus.

Durchbruch wird lange auf sich warten

Der Durchbruch von UMTS, er wird noch lange auf sich warten lassen. Dafür sprechen auch die Erfahrungen, die die Branche mit der Mobilfunktechnik GPRS gemacht hat. Anfang 2000 haben die Mobilfunker diese neue Netz-Technik eingeführt - im Vergleich zu UMTS handelt es sich nur um eine kleine, wesentlich billigere und unkomplizierte Weiterentwicklung. Bis GPRS aber einigermaßen ins Rollen kam, vergingen mehr als 12 Monate - vorher gab es nur eine Mini-Auswahl an Handys und nur eine Handvoll neuer Dienste.

Ähnlich wie damals schieben einige Netzbetreiber auch die UMTS-Startschwierigkeiten den Mobiltelefonherstellern die Schuhe. Nokia und Co. würden mal wieder hinterher hinken. Die Netze könnte man schließlich schon einschalten, zumindest in größeren Städte wie München und Berlin, Düsseldorf und Köln, wo Vodafone und T-Mobile den Aufbau der UMTS-Antennen vorantreiben.

Doch damit machen sich die Netzbetreiber die Sache zu leicht. "Tatsächlich beruht die Verzögerung gleichermaßen auf mangelnder Verfügbarkeit von Handys und mangelnder Netzfunktionalität", schreiben die schwedischen Marktforscher von Northstream in einer Studie.

Zusammenspiel funktioniert noch nicht reibungslos

Kurzum: Auch wenn die Mobilnetzbetreiber ihren UMTS-Schalter umlegten, hätten die Kunden nichts davon. Denn das Zusammenspiel von Netz und Handy funktioniert noch nicht reibungslos. Das setzt unter anderem voraus, dass die neuen Mobiltelefone sich mit UMTS und auch mit der bereits existierenden Technik verstehen. Denn UMTS wird es zunächst nur in größeren Städten geben. In den übrigen Regionen muss sich das Handy automatisch und für den Anwender nicht spürbar in das bestehende Netz schalten. Dabei kommt es aber jedoch immer noch zu Gesprächsabbrüchen. Deshalb müssen sowohl die Handyhersteller als auch die Netzbetreiber die eigene Software immer wieder testen und anpassen - ein langwieriger Prozess.

Die Skepsis gegenüber UMTS nähren auch die Erfahrungen in Japan: Der Mobilfunkmarktführer NTT Docomo hat die neue Technik im Oktober 2001 eingeführt. Die Erwartungen der Branche und die eigenen verfehlte der Konzern komplett. Zunächst hatte das neue Netz eine zu geringe Abdeckung, und die Akkus der UMTS-Handys mussten schon nach kurzer Zeit wieder aufgeladen werden. Außerdem gab es schlicht nicht genügend Inhalte, um Kunden von den Vorzügen von UMTS zu überzeugen.

Mobilfunker geben sich zurückhaltend

Entsprechend zurückhaltend geben sich daher inzwischen die europäischen Mobilfunker: Frühstens für 2004 rechnen sie mit nennenswerten UMTS-Umsätzen. Marktforscher von Forrester gehen davon aus, dass sich die hohen Investitionen in das größte Abenteuer der Branche erst ab 2010 rentieren werden - und das auch nur in Ländern wie Finnland und Frankreich, wo die UMTS-Lizenzen nichts oder nur wenig gekostet haben. In Großbritannien und Deutschland, wo die Unternehmen für die Funkerlaubnis bis zu 8,5 Mrd. Euro hinblättern mussten, erwarten Experten schwarze Zahlen nicht vor 2015.

Bis dahin wird die Zahl der Anbieter voraussichtlich weiter schrumpfen. Die Schwächeren unter den Lizenznehmern wie beispielsweise die Töchter der britischen MMO2 in den Niederlanden und in Deutschland, würden fusionieren oder ausscheiden, prognostizieren Analysten. In diesem Jahr haben bereits die deutsche Tochter der spanischen Telefónica und Mobilcom ihre UMTS-Pläne begraben.

Um ihre Umsätze anzukurbeln, werden die Mobilfunker wohl zunächst noch einige Jahre auf die bestehende Technik GPRS setzen. Den Höhepunkt sehen Experten auch noch lange nicht gekommen. Michelle de Lussanet, Analystin bei Forrester, schreibt in einer Studie: Noch in fünf Jahren werde GPRS an der Spitze der Innovationen im Mobilfunk stehen.

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