„Schwarzer Dienstag"
Streik legt Frankreichs öffentliches Leben fast lahm

In Frankreich hat am Dienstag ein landesweiter Streik gegen die Rentenreformpläne der Regierung das öffentliche Leben nahezu lahm gelegt. Der Ausstand gilt als Härtetest für den Chef der Mitte-rechts-Regierung, Jean-Pierre Raffarin. Die Gewerkschaften bezeichneten den Tag als Erfolg.

Reuters PARIS. Viele Flugzeuge blieben am Boden, und die meisten Züge fuhren nicht. In Paris blieben die meisten Metro-Linien vollständig geschlossen und vier Fünftel der Busse in den Depots. Millionen Pendler gingen zur Arbeit oder fuhren mit dem Rad. Auch Schulen blieben geschlossen und viele Zeitungen erschienen nicht. Da auch Mitarbeiter der drei großen Energiefirmen Frankreichs streikten, wurde rund zehn Prozent weniger Strom erzeugt. Am "Schwarzen Dienstag", wie ihn die Medien nannten, waren landesweit rund hundert Protest-Demonstrationen geplant.

Vier von fünf Flügen würden voraussichtlich ausfallen, teilte die Luftfahrtbehörde des Landes mit. Bei Air France fielen der Fluggesellschaft zufolge zwei Drittel der Kurz- und Mittelstreckenflüge aus. Die Langstreckenflüge starteten wie geplant. Auch andere Fluggesellschaften, darunter British Airways und die Deutsche Lufthansa strichen einige Flüge. Ein Lufthansa-Sprecher sagte, wegen des Streiks hätten 94 Flüge gestrichen werden müssen. Die betroffenen Passagiere seien überwiegend auf die 38 genehmigten Flüge mit größeren Flugzeugen umgebucht worden.

Auf den Schienen kamen ebenfalls rund zwei Drittel des Verkehrs zum Erliegen, wie die nationale Bahngesellschaft SNCF mitteilte. Dagegen berichteten die privaten Autokonzerne Renault

und PSA Peugeot Citroen, deren Beschäftigte die Gewerkschaften ebenfalls für den Streik zu gewinnen suchten, ihre Produktion sein kaum betroffen. Es habe nur vereinzelte Protestaktionen gegeben.

Die Meinung der Pendler zu den Streiks war geteilt. "Ich bin schon rund eine Stunde zu spät", sagte ein 27-Jährige, die auf ein Taxi wartete. "Ich unterstütze aber die Aktion. Der Regierung sollte nicht erlaubt werden, einfach irgendwas zu machen", fügte sie hinzu. Bei einem 42-Jährigen, der auf Inline-Skates zur Arbeit rollte, stieß der Streik auf wenig Verständnis: "Die Streikenden sollte man hängen", sagte er sarkastisch.

Umfragen zufolge beläuft sich die Unterstützung für die Streiks auf rund 60 %, wenngleich sie vor allem in Paris bei vielen auf wenig Verständnis stießen.

Seit rund einem Jahr an der Macht, hatte Raffarin bis zuletzt einen scharfen Ton gegenüber den Gewerkschaften angeschlagen. Am Rande des Eco-Fin-Treffens in Brüssel sagte sein Finanzminister Francis Mer Reuters auf die Frage, ob die Regierung die Reformen trotz der Streiks vorantreiben werde, lediglich: "Sicherlich." Auch der für den öffentlichen Dienst zuständige Minister Jean-Paul Delevoye ließ in einem Interview mit dem Fernsehsender "France 2" kein Einknicken der Regierung bei ihren Plänen erkennen. "Heute bestreitet niemand die Notwendigkeit der Reformen", sagte Delevoye dem Sender. Er befräftigte damit die Haltung Raffarins, wonach Frankreich zu schmerzhaften Reformen bereit sei, wie sie etwa Großbritannien bereits in den 80er Jahren umgesetzt habe. Regierungssprecher Francois Cope sagte Reuters: "Das ist sicherlich ein wichtiger Tag, aber auch eine neue Chance zu erklären, erklären, erklären". Nach dem Willen der Regierung sollen die Franzosen in Zukunft länger als bisher in das staatliche Rentensystem einzahlen, um den vollen Rentenanspruch zu erwerben. Bei Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes soll der Zeitraum zunächst auf 40 von derzeit 37,5 Jahren angehoben werden und damit den Bedingungen für Beschäftigte im privaten Sektor angeglichen werden. Bis 2020 soll die Dauer für alle auf 42 Jahre verlängert werden. Umfragen zufolge würden die Franzosen, die derzeit mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen und 35 Stunden pro Woche arbeiten, lieber höhere Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, als länger zu arbeiten.

1995 hatte die damalige konservative Regierung ihre Rentenreformpläne wegen massiver Streiks im Verkehrswesen auf Eis gelegt. Die Pläne galten nicht zuletzt als Grund für das Scheitern der Regierung im Jahr 1997.

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