Archiv
Schwarzes Jahr für Arbeitnehmer - Tarifstandards unter Druck

Für die Arbeitnehmer in Deutschland war 2004 ein schwarzes Jahr. Magere Einkommenserhöhungen, längere Arbeitszeiten auch ohne Lohnausgleich und Kürzungen bei Weihnachts- und Urlaubsgeld waren in vielen Branchen und Betrieben an der Tagesordnung.

dpa-afx FRANKFURT. Für die Arbeitnehmer in Deutschland war 2004 ein schwarzes Jahr. Magere Einkommenserhöhungen, längere Arbeitszeiten auch ohne Lohnausgleich und Kürzungen bei Weihnachts- und Urlaubsgeld waren in vielen Branchen und Betrieben an der Tagesordnung. Die spektakulärste Fälle waren Siemens AG , Daimler-Chrysler AG und Volkswagen AG , wo von den Beschäftigten zur Standortsicherung harte Einschnitte verlangt wurden. "Die Tarifstandards sind enorm unter Druck geraten", stellt der Leiter des gewerkschaftsnahen WSI - Tarifarchivs, Reinhard Bispinck, fest.

Die anhaltende Konjunkturschwäche hat die Demontage beschleunigt: Dem Druck der Unternehmen, ihre Kosten zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit und zur Steigerung ihrer Gewinne zu senken, steht die wachsende Angst der Beschäftigten vor Arbeitslosigkeit und Armut gegenüber. Mit der Androhung von Verlagerungen ins Ausland und dem Abbau von Arbeitsplätzen im Inland sind die Belegschaften erpressbar geworden. Die EU-Osterweiterung am 1. Mai und die Globalisierung haben den Kostendruck in Branchen wie der Automobilindustrie, die sich auf Weltmärkten behaupten müssten, vergrößert.

"Volkswirtschaftlich betrachtet helfen neue tarifliche Kostensenkungspotenziale, dem Trend zur Abwanderung von Arbeitsplätzen entgegenzuwirken", meint der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser. In der Metall- und Elektroindustrie - mit 3,5 Mill. Beschäftigten der größte deutsche Wirtschaftszweig - wurden im Februar nach harten Auseinandersetzungen die Möglichkeiten zur Abweichung von Tarifstandards auf Betriebsebene ausgeweitet. In 84 Betrieben wurde inzwischen - mit Zustimmung der IG Metall - die Arbeitszeit verlängert oder Sonderzahlungen gekürzt.

Mit dem Metall-Abschluss von Pforzheim wurden längere Arbeitszeiten das tarifpolitische Top-Thema des Jahres. Politiker und Arbeitgeber übertrumpften sich mit Forderungen nach 50 Stunden Wochenarbeitszeit oder mehr. "Im Grunde geht es den Befürwortern weniger um die Arbeitszeit selbst als vielmehr um eine Lohnsenkung durch die Hintertür", kritisiert WSI-Experte Hartmut Seifert. So verwundert es kaum, dass nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (Dihk) in den kommenden drei Jahren jedes zweite Industrieunternehmen die Wochenarbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verlängern will.

Das Thema Lohnererhöhungen ist demgegenüber in den Hintergrund getreten. Nach Schätzungen des WSI-Tarifarchivs sind die tariflich vereinbart Löhne und Gehälter in diesem Jahr durchschnittlich um 1,5 bis 2,0 Prozent gestiegen, die effektiven Steigerungen dürften bei 0,5 Prozent liegen. Dennoch steht für 2005 schon die Forderung nach Nullrunden im Raum. "Die Maßlosigkeit und Fantasielosigkeit, ständig von den Beschäftigten Nullrunden zu fordern, stellen mittlerweile eine gefährliche Mischung für die Zukunft des Standortes dar", meint IG-Metall-Vize Berthold Huber. Es müsse auch im Interesse der Arbeitgeber liegen, die Menschen "vom Angstsparen zum Geldausgeben zu bewegen".

2005 wird im Öffentlichen Dienst, in der chemischen Industrie, im Handel, in der Druckindustrie und bei den Versicherungen verhandelt. In der Metall- und Elektroindustrie wird es wegen der langen Laufzeit des aktuellen Tarifvertrages eine Pause geben. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert ein Ende der Lohnzurückhaltung, um die Binnennachfrage anzukurbeln. "Wenn man der Kuh mehr zu fressen gibt, dann kann man sie auch wieder mehr melken."

Voraussetzung für die Durchsetzung tariflicher Verbesserungen sind aber starke Gewerkschaften. 2004 hat sich das Kräfteverhältnis deutlich zum Nachteil von IG Metall, ver.di und Co in Richtung Arbeitgeber verschoben. "Die Unternehmer sind in die Offensive gegangen", sagt der Frankfurter Gewerkschaftsforscher Josef Esser. Allerdings hätten sich die Arbeitnehmerorganisationen tapfer geschlagen. "In stürmischen Zeiten sind sie viel stärker als früher als Rettungsboot nötig", meint Esser. Die "SOS-Gewerkschaft" könne oft mit Beschäftigungssicherungsverträgen das Schlimmste verhindern. "Wenn die Rettungsstrategie aufgeht, kann ihr Image wieder steigen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%