Schwarzgeld wird noch schnell in die Wirtschaft gepumpt
Spanien erwartet Wachstumsschub durch Euro

Seit vier Jahren bereitet sich der Kaufhauskonzern El Corte Ingles auf den Euro vor.

MADRID. "Der Rioja kostet 1 250 Peseten. Der Kunde zahlt 10 Euro. Wieviel Wechselgeld geben Sie zurück?" Hochkonzentriert tippen die Verkäuferinnen den Betrag ein. 25 Kassen surren. "2 Euro 49 Cent" - das Rückgeld erscheint automatisch. Es ist stickig im Schulungsraum des Kaufhauskonzerns El Corte Ingles. Die Vorbereitungen für die neue Währung laufen auf Hochtouren. Keiner will Fehler machen.

Maite Callejo hat ein wenig Angst vor dem neuen Geld: "Vor allem rund um den Dreikönigsfeiertag am 6. Januar wird es hart. Da ist das eigentliche Fest, an dem es in Spanien die Geschenke gibt. Dann wird bei uns richtig viel los sein. Ich habe die größte Sorge, dass ich mit den beiden Währungen durcheinander komme."

Damit dies nicht passiert, haben über 90 000 Mitarbeiter Euro-Kurse absolviert. Denn in den ersten zwei Monaten des kommenden Jahres kann in beiden Währungen bezahlt werden. Spaniens Kaufhaufkonzern Nummer eins wird daher rund 273,5 Mill. Euro in Münzen und Scheinen als Wechselgeld bereit halten. Ein Mammutprojekt, bei dem an alles gedacht werden muss.

Don Florencio Lasaga, der Finanzchef von El Corte Ingles, bittet zum Hintergrundgespräch. Eine Ausnahme, denn eigentlich gehört das Unternehmen, das von der Inhaber-Familie um Konzernpräsident Isidoro Alvarez kontrolliert wird, zu den verschwiegensten des Landes.

Doch durch den Euro ist alles anders geworden. Ab dem 1. Januar sollen die Kassen in den etwa 80 Konsumtempeln von El Corte Ingles noch lauter klingeln, hofft Senor Lasaga. "Der Kunde hat nur Vorteile," meint er. Der Euro schaffe mehr Transparenz bei den Preisen. Das fördere den Wettbewerb unter den Anbietern und steigere die Qualität der Produkte. El Corte Ingles will auch von den rund 50 Mill. Touristen profitieren, die jährlich ins Land strömen und ab Januar keine lästigen Wechselsorgen und Umrechnungsprobleme mehr haben.

Daher hat der Familienkonzern kräftig investiert. Knapp ein Prozent des Umsatzes, rund 75 Mill. Euro, schätzt Finanzchef Lasaga, wird die Euro-Umstellung kosten.

Seit drei Jahren zeichnet Spaniens Branchenführer seine Preise in Peseten und Euro aus - viel Arbeit bei über zwei Millionen Artikeln. "Aber nur so kann sich der Kunde daran gewöhnen, denn der Umrechnungskurs von rund 166 Peseten je Euro ist für die Spanier sehr kompliziert," sagt Florencio Lasaga. "Wir wollen unseren Kunden die Angst nehmen, dass wir bei der Umrechnung die Preise anheben."

Diese Sorge hält der Gouverneur der spanischen Zentralbank, Jaime Caruana, für übertrieben. Für ihn überwiegen die Vorteile: "Angesichts der abflauenden spanischen Konsumkonjunktur wird der Euro für wirtschaftliche Belebung und zusätzliches Wachstum sorgen." Caruana rechnet offiziell mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts 2002 von 2 bis 2,5 %.

Bereits in diesem Jahr glänzen die Spanier mit besseren Wachstumsraten als die meisten europäischen Nachbarn. Das liegt vor allem an den gigantischen Schwarzgeldsummen, die jetzt kurz vor der Euro-Einführung in die Wirtschaft gepumpt werden. "Es ist bemerkenswert, dass die Spanier, wie immer, alles auf den letzten Drücker machen - sogar beim Schwarzgeld," sagt Jose Garcia Montalvo vom Wirtschaftsforschungsinstitut Valencia (IVIE).

Rund 8,4 Mrd. Euro, rechnet die Notenbank, sind in Spanien in Immobilien und Luxusgüter geflossen. Analysten gehen davon aus, dass ohne den Schwarzgeldeffekt das spanische Wachstum im Jahr 2002 um etwa 1 % niedriger ausfallen würde.

Weiter wachsen will hingegen El Corte Ingles. Auch international. Da kommt der Euro wie gerufen. Vor drei Wochen ist in Lissabon die erste Auslandsfiliale eröffnet worden. Die Umsätze seien sehr zufriedenstellend, bestätigt Florencio Lasaga. Weitere internationale Engagements, möglicherweise gemeinsam mit einem europäischen Konkurrenten, will der Finanzchef langfristig nicht ausschließen.

Marco Vollmar ist Mitarbeiter von DW-TV, dem deutschen Auslandsfernsehen. Mehr zum Thema Spanien und der Euro am 13. Dezember 2001 im Wirtschaftsmagazin "Made in Germany", um 20.30 Uhr, auf DW-TV.

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