Schweizer Flugsicherung drohen Schadenersatzklagen
Skyguide unter Druck

Skyguide drohen nach einem möglichen Schuldbeweis für das folgenschwere Flugzeugunglück am Bodensee hohe Schadenersatzklagen. Die Schweizer Flugsicherung steht nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen.

dpa ZÜRICH. Der Schweizer Flugsicherung skyguide drohen nach einem möglichen Schuldbeweis für das folgenschwere Flugzeugunglück am Bodensee hohe Schadenersatzklagen. Der Imageschaden scheint bereits jetzt enorm: Widersprüche, eine nur scheibchenweise gehandhabte Informationspolitik sowie das Bekanntwerden von technischen Mängeln zehren an den Nerven der 1200 Mitarbeiter. Der Direktor Alain Rossier stellt sich in Interviews zwar noch tapfer hinter seine gescholtenen Lotsen, die nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen stehen.

Am Dienstagabend hatte das Schweizer Fernsehen berichtet, das Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) habe in einem Bericht vom 26. Juni Mängel am Radarsystem kritisiert. Dies wurde von BFU-Chef Jean Overney nun bestätigt. Der Bericht des BFU stützt sich auf eine Untersuchung von Beinah-Zusammenstößen im Jahr 1998. Das BFU fand dabei heraus, dass das Radarsystem ungenaue Angaben gemacht hatte. Es gebe Probleme bei der Kommunikation mit Systemen in anderen Ländern.

Für Verwirrung hatten zuvor auch unterschiedliche Zeitangaben des Leiters der Zürcher Kontrollstelle, Anton Maag, gesorgt. Erst gab er die Zeitspanne zwischen der Aufforderung des Lotsen an den russischen Piloten zum sofortigen Sinkflug und der Kollision mit 90 Sekunden, später mit nur noch 60 Sekunden an. Laut offizieller Untersuchung waren es nur 50. Dann rückte Maag damit raus, dass in der Nacht ein zweiter Lotse unerlaubt seinen Arbeitsplatz verlassen habe, was prompt von seiner Dienststelle zurückgenommen wurde. Der Lotse habe nach dem Gewohnheitsrecht doch eine Pause machen können, hieß es.

Schweizer Fluglotsen sind bereits mehrmals ins Gerde gekommen, wenn sie auch Experten zufolge keineswegs schlechter sind als ihre europäischen Kollegen. Die Schweiz gehört zu den am dichtesten überflogenen Regionen, ein kleines, enges Drehkreuz im europäischen Luftverkehr. Im November 1990, als beim Absturz einer Alitalia - Maschine bei Zürich 46 Menschen ums Leben kamen, war auch von einem Fehler, einem "passiven Verhalten" eines Zürcher Lotsen die Rede. Es blieb umstritten, ob dieser die Crew nicht hätte warnen müssen. Eine Schuld wurde aber nicht nachgewiesen.

Beim Absturz einer Crossair-Maschine im vergangenen November mit 24 Toten ebenfalls bei Zürich wurde auch nach einer Mitschuld der Lotsen gefragt. Ein Experte wies aber auch darauf hin, "dass man sich bei Unfällen immer zuerst auf den Piloten oder den Lotsen stürzt".

Das Schweizer Nachrichtenmagazin "Facts" berichtete am Donnerstag, skyguide befinde sich ohnehin in einer schwierigen Zeit. Der Geschäftsausfall nach dem Zusammenbruch der Swissair und der Rückgang des Reiseverkehrs nach den Terroranschlägen vom 11. September hätten schon im vergangenen Jahr einen Betriebsverlust von 16 Millionen Franken (11 Millionen Euro) bei einem Umsatz von 275 Millionen Franken gebracht. In diesem Jahr drohten wieder 15 Millionen Franken Verlust. Derzeit soll aber für 100 Millionen Franken ein hochmodernes Flugverkehr-Leitsystem aufgebaut werden, schrieb "Facts".

Skyguide ist eine private Aktiengesellschaft, die den zivilen und militärischen Flugverkehr im Schweizer Raum sowie im angrenzenden Ausland überwacht. Diese Aufgabe könnte skyguide nun genommen werden, da die Schweiz einen neuen Vertrag mit Deutschland über eine Begrenzung der Flugbewegungen im Raum Zürich nicht ratifizieren will.

Sollte sich zudem herausstellen, dass das Unternehmen an dem Zusammenstoß der beiden Flugzeuge mit 71 Todesopfern maßgeblich beteiligt war, dann wäre skyguide wohl auch regresspflichtig. Ein Sprecher der Berner Regierung sagte, dagegen sei das Unternehmen versichert. Sollte die Summe nicht ausreichen, müsse möglicherweise der Schweizer Staat aushelfen, der den Großteil der Aktien hält. In Schweizer Medien ist von mehrstelligen Millionensummen die Rede.

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