Schweizer Wahlkampf
Wettbewerb in der Krippe

Der Schweizer Wahlkampf läuft auf Hochtouren, auch Ideen aus Deutschland sind längst kein Tabu mehr. So griff der liberale Innenminister Pascal Couchepin, in der Schweiz für ungewöhnliche Ideen bekannt, jüngst die Debatte um Kinderkrippenplätze und Kinderbetreuung auf - auch die Schweiz gilt als kinderunfreundliches Land.

ZÜRICH. Pascal Couchepin, ein hochgewachsener Mann mit energischem Gesichtsausdruck, ist Innenminister in dem Nachbarland, dessen Politiker niemand kennt, also der Schweiz. Er ist unter den Eidgenossen für ungewöhnliche Ideen bekannt und der Einzige in der Regierung, der es, wenn er zu Hochform aufläuft, mit dem rhetorischen Geschick des dominierenden rechten Justizministers Christoph Blocher aufnimmt. Da in der Schweiz im Oktober gewählt wird, ist es Zeit, dass der liberale Couchepin zur Hochform findet. Gelungen ist ihm das jetzt mit einer Anleihe bei seiner populären deutschen Ministerkollegin Ursula von der Leyen.

Es war am vergangenen Donnerstag, als Couchepin in orangefarbener Regenpelerine über die St.-Peters-Insel stapfte, eine Halbinsel im Bieler See, die zu einiger Berühmtheit gelangt ist, seit sich der Denker Jean Jacques Rousseau vor knapp 250 Jahren einmal hierher zurückzog. Gut gelaunt, das Hemd geöffnet, um sich einen Tross schirmtragender und um die Pfützen hüpfender Journalisten, eröffnete Couchepin der Welt, dass die Schweiz sich ein Beispiel nimmt am deutschen Modell, genauer dem in Hamburg, und künftig ebenfalls an Eltern Gutscheine für die Kinderbetreuung verteilen will. So hat er es natürlich nicht gesagt, denn Ideenimporte aus Deutschland einzuräumen kommt in der Schweiz nicht nur im Wahlkampf schlecht an. Aber gemeint hat er es so.

Wissen muss man dazu, dass es außer Deutschland noch andere kinderunfreundliche Länder in Europa gibt. Die Schweiz zählt dazu. Kindergärten gibt es erst für den Nachwuchs ab dem fünften Lebensjahr. Darunter können Eltern sehen, wo sie bleiben. Wenn sie einen der raren Kinderkrippenplätze finden, werden sie dort umgerechnet mit knapp zehn Euro pro Betreuungsstunde für ihren Sprössling zur Kasse gebeten. Beliebt ist bei Krippen, Kindergärten und Schulen auch das Modell, Kinder drei Stunden am Vormittag zu betreuen, sie dann für zwei Stunden nach Hause zu schicken, damit sie am Nachmittag noch einmal wieder kommen dürfen. Der Wunsch von Mutter und Vater, einer geregelten Arbeit nachzugehen, hat sich damit erübrigt. Die geringe Schweizer Arbeitslosenquote hat auch damit zu tun, dass viele Eidgenossen dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung stehen. Der Bedarf an externer Kindertagesbetreuung übersteigt das Angebot bei weitem, hat jüngst eine Studie des Schweizerischen Nationalfonds ergeben. Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass - im Vergleich zum mehr als zehnmal so großen Deutschland - in der Schweiz rund 50 000 Betreuungsplätze für 12  000 Kinder zur Verfügung stehen und die Nachfrage nur zu 40 Prozent gedeckt sei.

Das sieht nicht gut aus, und Couchepin will das Problem angehen. Bislang fließen ein paar staatliche Millionen Franken für die Kinderbetreuung direkt an die Anbieter. In Zukunft sollen die Familien selber subventioniert werden, indem sie mit Gutscheinen Betreuungsleistungen ihrer Wahl kaufen können. Der Minister verspricht sich davon mehr Wettbewerb unter den Anbietern von Betreuungseinrichtungen. Als erste Stadt will Luzern das neue System einführen und sich dabei auch das Hamburger Modell anschauen.

In Hamburg hat jedes Kind ab drei Jahren bis zum Schuleintritt Anspruch auf täglich fünf Stunden Betreuung in einer Kita. Die Gutscheine erhalten die Eltern, um damit die von ihnen ausgesuchte Kita zu "bezahlen". Von der Leyen hat dieses Modell im Bundestag ausführlich gelobt, was niemanden mehr begeisterte als die Hamburger Grünen-Bildungspolitikerin Krista Sager, die jubelte, dass "jetzt auch die Union auf Bundesebene ein Gutscheinmodell befürwortet". Sager darf jetzt sagen, dass auch die Schweiz auf ihren Kurs eingeschwenkt ist. Das ist doch schon was.

Couchepin hat übrigens noch weiter gedacht und bei den Kindern nicht haltgemacht. Er will, dass nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten besser betreut werden, und schlägt vor, dass rüstige Rentner weniger rüstige pflegen und so selbst ein Anrecht auf eine spätere Hilfeleistung erwerben können. Ihm schwebt eine Art "Zeitbörse" auf nationaler Ebene vor, an der "Zeitgeben und Zeitnehmen" ausgetauscht wird. Mal sehen, ob sich Sager und von der Leyen von dieser Idee ihrerseits etwas abgucken.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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