Schwere Niederlage – Zimmer bleibt Parteichefin
PDS: In der Existenzkrise

Die PDS ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Gregor Gysi sieht die Gründe in der Partei selbst. Zwei Direktmandate hat die Partei in Berlin immerhin gewonnen.

BERLIN. Nur im Fall eines Desasters wollte Gregor Gysi zur "Wahlparty" in der ehemaligen Fabrikhalle Arena kommen - um "in einer großen Geste die Verantwortung zu übernehmen", hieß es Tage zuvor. Doch die Geste gerät eher klein, der Übervater der Sozialisten bringt nur "ich bin mir über meinen Anteil am Wahlergebnis im Klaren" über die Lippen.

Und schiebt schnell eine Rechtfertigung nach: "Enttäuscht" sei er, "wie wichtig heute Personen zu sein scheinen, statt Programme und Inhalte", sagt ausgerechnet der Mann, dessen Charisma zwölf Jahre lang Garant für das Überleben der SED-Nachfolger war.

Mitten im Wahlkampf hatte er das Amt des Berliner Wirtschaftssenators hingeschmissen - wegen privat genutzter Dienstmeilen. "Wegen einem Kratzer in der Krone" habe sich der eitle Gysi aus der Verantwortung gestohlen, sagt eine rothaarige Genossin im Saal verbittert.

Nun geben sie ihm zumindest einen Teil der Schuld am desaströsen Wahlergebnis: Die PDS hat nicht nur die Fünf-Prozent um Längen verfehlt, drei Stunden nach Schließung der Wahllokale kann sie auch nur mit zwei Direktmandaten - in Gesine Lötzsch siegt in Berlin-Lichtenberg und Petra Pau in Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Die wenigen Genossen, die noch in der Arena ausharren, haben die Hoffnung aufgegeben.

Ihre Existenzkrise glaubten die Sozialisten überwunden zu haben. 1990 waren sie nur auf Grund der nach Ost und West gesplitteten 5-Prozent-Hürde, 1996 dann mit den Direktmandaten in den Bundestag gekommen. 1998 gelang ihnen der Sprung auf 5,1 % und sie holten vier Direktmandaten. Und nun der Absturz.

Jetzt geht es ums Überleben: Der PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch redet gegen den Untergang: "Die PDS wird es weiter geben", verspricht der Wahlkampfmanager. Zwei Stunden später beharrt auch Parteichefin Gabi Zimmer in der Berliner Runde: "Die PDS ist nicht weg".

In der Halle reden sie vom Kriegsgegner Gerhard Schröder und der Flut, die Stimmen gekostet haben. Und von der Furcht der Wechselwähler, mit einem Kreuz für die PDS letztlich Stoiber zu wählen. Doch Gysi will davon nichts wissen: "Diesmal haben wir es uns im Wesentlichen selber versaut".

Und verlangt: "Wir müssen uns selbst am Schopf wieder rausziehen". In der Stunde der Niederlage fordert er "den Kampfesmut, den wir schon mal hatten" und " vier Jahre harter Arbeit". Auch die Grünen seien 1990 aus dem Bundestag geflogen, erinnert er. Doch dann seien sie vier Jahre lang von den Medien "zurückgeschrieben worden - "das wird uns nicht passieren".

Unmittelbare Rücktritte sind nicht zu erwarten, doch in drei Wochen ist Parteitag in Gera. Bartsch werde wohl nicht mehr zur Wiederwahl antreten, heißt es hinter den Kulissen. Und Gabi Zimmer? Kann sie angesichts der Niederlage Parteichefin bleiben? Das sei "nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich", meint sogar Parteivordenker André Brie, der ihr schon vor der Wahl eine falsche Strategie vorgeworfen hat. Aber: "Sie hat eine ganz breite Akzeptanz an der Basis - als einzige".

Gysi wird wohl nicht an Parteispitze zurück kehren, ist Brie überzeugt. Aber nur Gysi sei eben in der Lage "die verlorene Akzeptanz zurückzugewinnen". "Er wird wieder eine konkrete Aufgabe übernehmen müssen".

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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