Archiv
Schwere Vorwürfe gegen KPMG

Der Fall Comroad zeigt: Die Abschlussprüfer kommen aus dem Gerede nicht heraus. Die Abhängigkeit vom Unternehmen und rechtliche Fragen erschweren die Möglichkeiten der Prüfer.

jkn FRANKFURT/M. Der Skandal um Luftbuchungen bei der Münchener Telematikfirma Comroad hat die Diskussion um die Rolle der Wirtschaftsprüfer neu entfacht. Während Aktionärsschützer heftige Kritik an den Wirtschaftsprüfern von KPMG übten, ist sich Harald Wiedmann, Vorstandssprecher von KPMG Deutschland, keiner Schuld bewusst. KPMG habe das Comroad-Mandat im Februar diesen Jahres auch deshalb niedergelegt, um die Strafbehörden auf den Fall aufmerksam zu machen, erklärte Wiedmann. Künftig sollten die Prüfer aber die Möglichkeit haben, die Wertpapier-Aufsicht auf direktem Wege über einen Betrugsverdacht zu informieren.

Comroad hat weit über 90 Prozent der Umsätze nur vorgetäuscht, indem Geschäfte mit einer nicht existenten Hongkonger Gesellschaft gebucht wurden. KPMG hatte das Prüfmandat Anfang Februar niederlegt, weil wichtige Fragen vom Comroad-Management nicht beantwortet werden konnten. Die Abschlüsse der beiden vorhergehenden Jahre hatten die Prüfer testiert.

"Die Umsätze mit der Gesellschaft in Hongkong sind erst in der letzten Zeit so stark angestiegen. Das kam uns spanisch vor", begründete Wiedmann das Verhalten der Prüfer. Eine Vor-Ort-Prüfung in Hongkong habe das Comroad-Management mit einem auch noch falschen Verweis auf das Neujahrsfest versucht heraus zu zögern. "Es kamen immer wieder Ausflüchte. Dann haben wir gesagt: Jetzt reicht es", sagte Wiedmann.

Das Vorgehen von KPMG, das Mandat eines Unternehmens niederzulegen, ist außergewöhnlich. Branchenkenner werten es als Indiz dafür, dass die Wirtschaftsprüfer nach den diversen Skandalen um gefälschte Bilanzen die Zügel anziehen und deutlich tiefer in das Zahlenwerk schauen. Dafür spricht auch, dass mehrere an der Wachstumsbörse Neuer Markt gelistete Unternehmen noch keinen Abschluß präsentiert haben, obwohl die Frist dafür am 31. März abgelaufen ist.

"Die Wirtschaftsprüfer sind sensibler geworden", bestätigte Petra Krüll, Sprecherin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Dies würde aber auch aus eigenem Interesse geschehen. Schließlich dürften die Prüfer ihre Seriosität nicht noch weiter aufs Spiel zu setzen.

Allerdings warnen Branchenkenner davor, den Abschlußprüfern die Aufgabe auf zu bürden, Betrügereien bei Unternehmen aufzudecken. "Die Prüfer gehören zwar zu denjenigen, die die meisten Informationen über ein Unternehmen besitzen. Aber ihre Rolle ist wegen der Abhängigkeit zum Unternehmen sehr schwierig", warnte ein Wirtschaftsanwalt. Zudem würden rechtliche Vorschriften den Handlungsspielraum der Prüfer bei Betrügereien deutlich einschränken.

Darauf verweist auch KPMG-Chef Wiedmann. "Wir dürfen keine Anzeige gegen unsere Mandaten erstatten. Einzige Ausnahme ist der Verdacht der Geldwäsche", erklärte er. Der einzige Weg, die Strafbehörden auf einen Fall aufmerksam zu machen, sei es, das Mandat niederzulegen. Wiedmann fordert deshalb mehr Spielraum. "Mir wäre es lieb, wenn wir die Möglichkeit hätten, die Wertpapieraufsicht zu benachrichtigen", sagte der KPMG-Chef.

Dagegen kann DSW-Sprecherin Krüll die Argumentation der KPMG nicht ganz nachvollziehen. Sie verweist auf die Möglichkeit einer anonymen Anzeige. Allerdings ist auch sie der Meinung, dass die Prüfer mit dem Instrument Mandatsniederlegung äußerst vorsichtig umgehen müssen. "Es darf nicht als Drohung missbraucht werden", sagte Krüll.

Bislang haben die Bilanzskandale in der Prüfungsbranche dem Geschäft von KPMG nicht geschadet. KPMG Deutschland steigerte den Umsatz im vergangenen Jahr um 25 % auf 1,5 Mrd. Euro. Für das laufende Jahr erwartet Wiedmann ebenfalls eine Steigerung im zweistelligen Bereich.

Die in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliederte Beratungssparte KPMG Consulting steigerte den Umsatz 53 %. Nach Angaben von Wiedmann sind die Verkaufsverhandlungen für diese Sparte weit gediehen. "Der Vorgang wird bis Ende Juni abgeschlossen sein", sagte er. Auf sehr gutem Wege seien auch die Gespräche mit Andersen über eine Zusammenarbeit. Die internationale Andersen ist durch die Enron-Pleite in der Existenz bedroht. Deshalb suchen die nationalen Gesellschaften eigenständig nach Partnern, um zu überleben. "Unser gemeinsames Ziel ist es, bis zum 30.September 2002 alles unter Dach und Fach zu haben", sagte Wiedmann.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%