Schwere Vorwürfe nach der Katastrophe von Mailand
Erhebliche Sicherheitsmängel auf italienischen Flughäfen

Zwei Tage nach dem schweren Flugzeugunglück auf dem Mailänder Flughafen Linate, bei dem 118 Menschen ums Leben kamen, wird immer deutlicher, dass nicht nur menschliches Versagen, sondern auch schwere Sicherheitsmängel für die Katastrophe verantwortlich sind. Regierung und Staatsanwaltschaft haben das Aufsichtsamt für den Flugverkehr, Enav, beschuldigt, seinen Pflichten nicht nachgekommen zu sein. Enav betreibt die Kontrolltürme auf den Flughäfen.

HB MAILAND. Linate, der kleinere der beiden Mailänder Flughafen, verfügt seit etwa zwei Jahren über keinen Bodenradar mehr, durch den nach Ansicht von Experten das Unglück hätte vermieden werden können. Eine neue Anlage wurde zwar bereits vor sieben Jahren angefordert, die Beschaffung aber durch einen bürokratischen Sumpf verzögert. Linate sei nicht der einzige Flughafen des Landes, der gravierende Sicherheitslücken aufweise, meinen Piloten- und Lotsenverbände. "Investitionen in entsprechendes technisches Gerät sind in den letzten zehn Jahren praktisch nicht mehr getätigt worden", so Fabrizio Gessini von der Pilotenvereinigung Anpac.

Kein Flughafen des Landes entpricht den Sicherheitsvorkehrungen

Nach einem Bericht der staatlichen Agentur für Flugsicherheit ANSV entspricht praktisch keiner der Flughäfen des Landes internationalen Standards. Aktuell verfügt keines der beiden internationalen Drehkreuze des Landes, Rom Fiumicino und Mailand Malpensa, über ein funktionierendes Bodenradarsystem. In Malpensa ist die neue Anlage nach Informationen der Anpac derart ungenau, dass sie einen Bus nicht von einem Jumbo Jet unterscheiden kann. Aus diesem Grund werde sie in der Praxis nicht genutzt.

Bodenradar in Fiumicino seit Monaten defekt

Erst vor wenigen Monaten ist um ein Haar eine Maschine der Egypt Air mit einem kleinen Cityliner auf der Startbahn kollidiert. In Fiumicino ist der Bodenradar seit Monaten defekt. Angeblich soll er dieser Tage wieder in Betrieb genommen werden. Grobe Mängel weisen auch andere Flughäfen in Italien auf. So fehlen in Genua und Catania so genannte Wind-Shear-Systeme, die gefährliche Böen in Bodennähe identifizieren können. Beide Airports liegen in unmittelbarer Nähe zum Meer, wo es häufig solche Böen gibt. In Palermo ist eine entsprechende Apparatur zwar installiert. Da sie nicht zuverlässig funktioniert, wird sie aber nicht genutzt. In Bozen und Perugia gibt es laut einem Bericht der ANSV nicht einmal Kontrolltürme, die vom Aufsichtsamt Enav betrieben werden.

Drei voneinander unabhängige Untersuchungen eingeleitet

Mittlerweile sind drei voneinander unabhängige Untersuchungen eingeleitet worden, die das Unglück vom Montag aufklären sollen. Neben der Regierung und der Agentur für Flugsicherheit ermittelt auch die Staatsanwaltschaft in Mailand. Nach Angaben des Untersuchungsrichters Gerardo D?Ambrosio konzentrieren sich die Ermittlungen erstens auf die Frage, in welchem Maße das Fehlen des Bodenradars zum Unglück beigetragen hat. Die zweite Frage ist, ob die Rollbahn ausreichend gekennzeichnet ist. Piloten haben nämlich kritisiert, dass sich die Piste, auf der sich der deutsche Cessna-Pilot wähnte, durch nichts von jener unterscheidet, auf der er sich fälschlicherweise befand.

Drittens will die Staatsanwaltschaft klären, wo exakt die Verantwortlichkeiten liegen. Der Präsident der Flughafenbetreibergesellschaft Sea, Giorgio Fossa, hat gestern in einem Zeitungsinterview bereits alle Schuld von sich gewiesen. "Mir scheint die Hypothese eines menschlichen Versagens am plausibelsten zu sein." In einem Statement im Parlament hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi angekündigt, dass die Regierung den Irrtümern, die zu der Katastrophe geführt haben, penibel auf den Grund gehen werde.

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