Schwerster Anschag seit neun Monaten
Hamas bombt Frieden im Nahen Osten in weite Ferne

Mit dem schwersten Terroranschlag in Israel seit neun Monaten haben palästinensische Extremisten am Mittwochabend alle auf den Arabischen Gipfel in Beirut gerichteten Friedenshoffnungen zunichte gemacht. In der zentralisraelischen Küstenstadt Netanja sprengte sich ein palästinensischer Attentäter in am Vorabend des jüdischen Passahfestes inmitten einer Festversammlung in die Luft und riss mindestens 15 Israelis mit in den Tod, unter ihnen mehrere Kinder. Am Abend bekannte sich radikalislamische Hamas-Organisation zu dem Anschlag.

dpa/afp TEL AVIV/BEIRUT. Über 80 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Der israelische Polizeiminister Usi Landau sagte am Ort des Anschlags: "Dies war kein Anschlag, dies war ein Massaker."

Am Abend übernahm ein anonymer Anrufer im Namen eines bewaffneten Arms der Hamas die Verantwortung für die Tat, berichtete der katarische TV-Sender El Dschasira. Auch der libanesische Hisbollah-Sender El Manar teilte mit, ein Anrufer der "Essedin-El-Kassam-Brigaden" habe sich zu dem Anschlag bekannt. Die Palästinenserführung verurteilte den schwersten Anschlag seit Anfang Dezember, als ein Palästinenser in einem Bus in Haifa 15 Israelis mit in den Tod riss. Sie versprach, "gegen jede palästinensische Gruppe vorzugehen, die für diese Tat verantwortlich ist".

Zuvor hatte der zweitägige Gipfel der Arabischen Liga am Vormittag mit einem Eklat begonnen. Die palästinensische Delegation verließ die Konferenz unter Protest, weil die Rede von Palästinenserpräsident Jassir Arafat aus Ramallah nicht in den Sitzungssaal übertragen wurde. Der saudische Kronprinz Abdullah Ibn Abdelasis hatte kurz zuvor seinen Friedensplan präsentiert.

Schwere Hypothek für Zinnis Vermittlungsmission

Das Attentat wirft schwere Schatten über die bereits ins Stocken geratenen Bemühungen von US-Vermittler Anthony Zinni, der eine Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern erreichen möchte. Noch am Abend rief Israels Ministerpräsident Ariel Scharon seine wichtigsten Minister zu einer Krisensitzung in Jerusalem zusammen. In Jerusalem hieß es, angesichts der fortgesetzten Gewalt durch die Palästinenser müsse Israel seine Haltung zu der angestrebten Waffenruhe überdenken.

US-Präsident George W. Bush verurteilte das "kaltblütige Morden in den schärfsten Worten". Palästinenserpräsident Jassir Arafat und die Autonomiebehörde müssten "alles in ihrer Macht stehende tun um das terroristische Töten zu beenden", sagte Bush in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Noch am Mittag hatte Bush die Vermittlungsbemühungen seines Sondergesandten Anthony Zinni gelobt. Es handelte sich um den zweiten palästinensischen Anschlag seit der Rückkehr von Zinni in die Krisenregion am 14. März. Bei einem Scheitern der dritten Vermittlungsmission von Zinni hatte Israel bereits verschärfte Militäraktionen in den Autonomiegebieten angedroht.

Arafat mit Kronprinz Abdullahs Friedensplan zufrieden

Saudi-Arabiens Kronprinz Abdullah schlug in Beirut vor, "dass die Arabische Liga dem UN Sicherheitsrat - ein gemeinsames Programm vorlegt, das Israel normale Beziehungen (zu den arabischen Staaten) und Sicherheit garantiert". Im Gegenzug sollten die Israelis einen unabhängigen palästinensischen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren und sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen. Abdullah bekräftigte außerdem das Rückkehr-Recht der 1948 geflohenen Palästinenser.

Arafat nannte den Friedensplan eine "weitsichtige und mutige Initiative". Er rief die arabischen Staatschefs auf, den Vorschlag zu einer "arabischen Initiative für einen Frieden der Mutigen" zu machen. Seine Grußbotschaft wurde vom arabischen TV-Sender El Dschasira ausgestrahlt. Die palästinensische Führung sah in dem Ausfall der geplanten Übertragung in den Konferenzsaal einen Affront. Libanon entschuldigte sich mit "gewissen technischen Schwierigkeiten".

UN-Generalsekretär Kofi Annan rief Israelis und Palästinenser in Beirut auf, "den Frieden offiziell zu ihrem strategischen Ziel zu erklären". Zugleich appellierte er an die Gipfel-Teilnehmer, den saudischen Friedensplan zu unterstützen. Die israelische Seite reagierte verhalten. Zunächst müsse geprüft werden, was Abdullah unter "Normalisierung" verstehe, sagte ein Sprecher in Jerusalem.

Syrischer Präsident ruft zum Abbruch der Beziehungen zu Israel auf

Der syrische Präsident Baschar el Assad schlug den arabischen Staaten vor, alle Kontakte zu Israel abzubrechen, "bis ein gerechter und umfassender Frieden erreicht ist und der Rückzug (der Israelis) aus den 1967 besetzten Gebieten abgeschlossen ist".

Iraks Vizepräsident Issat Ibrahim versicherte in der Kuwaitfrage, Bagdad "respektiere die Sicherheit Kuwaits" und wünsche eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen.

Arafat hatte seine Teilnahme am Gipfel wegen der vom israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon gestellten Bedingungen abgesagt. Scharon hatte gedroht, ihn nicht in die Palästinensergebiete zurückkehren zu lassen.

Auch die als gemäßigt geltenden arabischen Führer - der ägyptische Präsident Husni Mubarak, der jordanische König Abdullah II. und der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa El Thani - sagten ihre Teilnahme am Gipfel in letzter Minute ab. Aus Delegationskreisen in Beirut hieß es, Jordanien und Ägypten hätten sich bei den Beratungen über den saudischen Friedensvorschlag an den Rand gedrängt gefühlt.

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