Schwierige Informationslage - Oft Missverständnisse bei Anlegern
Heiße Wetten auf Japan

Wer mit Kauf-Optionsscheinen auf Japans Aktien oder Indizes handelt, muss gute Nerven haben. Experten trauen aber einigen Titeln Gewinne zu.

DÜSSELDORF. Arno Michel (Name von der Redaktion geändert) versteht die Welt nicht mehr: Die Honda-Aktie ist in Tokio um 3 Prozent gestiegen, und sein Kauf-Optionsschein darauf legte schlappe 0,5 Prozent zu. Dabei hatte er so auf die Hebelwirkung der Scheine gehofft - auf den großen Gewinn bei geringem Einsatz.

Wie Banker berichten, ist der Handel mit Optionsscheinen auf japanische Basiswerte wie den Nikkei-225-Index oder einzelne Aktien für viele Anleger ein Buch mit sieben Siegeln. Dazu kommt noch, dass sie die Aktien nicht so gut einschätzen können wie die heimischen. Nach Worten von Citibanker Dirk Heß wissen private Investoren oft nicht einmal, dass der asiatische Markt geschlossen hat, wenn sie hier zu Lande handeln. Sie haben keine Vorstellung davon, an welchen Aktienkursen sich die Banker bei der Bewertung der Warrants orientieren.

So sorge für Missverständnisse - wie bei Arno Michel -, dass sich die Preise der Scheine nicht immer auf den Schlusskurs der Aktien in Tokio beziehen. Stattdessen werden oft verschiedene andere Aktien- oder auch Futureskurse zu Grunde gelegt, erklärt Citibank-Händler Jochen Schiele. So können Händler etwa Scheine nach Aktienkursen bewerten, die nach der Schlussauktion an der Börse zustande kommen. Da die Aktienbörse in Tokio schließt, wenn die Uhren in Deutschland 7 Uhr schlagen, verfolgen die Händler zur Bewertung der Scheine tagsüber die Kurse im - meist außerbörslichen Handel - in Europa. "Liquidester Markt ist London", sagt Schiele. In Deutschland liege der Handel für größere Stückzahlen fast brach. Manchmal orientieren sich die Händler auch an Aktienkursen, die für japanische Titel in Paris gestellt werden - je nachdem, wo der Umsatz in den Werten höher ist. Dabei notieren die Werte in Paris und Frankfurt in Euro, in London in Yen, in der Schweiz in Schweizer Franken und in den USA in Dollar, so dass auch die Devisenkursentwicklung bei der Bewertung der Optionsscheine eine Rolle spielt, wie Schiele erklärt. "Allerdings ist dieser Einfluss gering."

Doch nicht nur die aktuellen Kurse der Aktien sind für die Warrantpreise wichtig. Da tagsüber in Singapur und den USA auch Nikkei-Futures gehandelt werden und viele Scheine auf Aktien aus dem Börsenbarometer ausgelegt sind, müssen auch diese Kursentwicklungen berücksichtigt werden. Wenn zwischen 12 und 15 Uhr europäischer Zeit weder in den USA noch in Asien Nikkei-Futures gehandelt werden, orientierten sich Händler an den Bewegungen anderer Futures wie z.B. denen auf den Nasdaq-Composite, sagt Schiele.

Für Privatanleger ist es also nicht einfach, abzuschätzen, auf welche aktuellen Aktienkurse sich die Preise der Scheine beziehen werden. Thorsten Michalik, Optionsscheinexperte bei der Deutschen Bank, rät daher Anlegern, sich mit Aufträgen morgens um 8 Uhr zu melden, "denn dann sind in Tokio im nachbörslichen Handel noch Preise von Einheimischen zu bekommen". Was Anleger auch bedenken sollten: Die Warrants auf Japans Aktien schwanken schon deshalb oft stark, weil sich viele Scheine auf Technologietitel beziehen.

Auch aus anderen Gründen ist der Handel mit Kaufoptionsscheinen (Calls) auf japanische Dividendentitel und Kursbarometer ein heißes Spiel. So sind sich Analysten uneins, ob der Markt Aufwärtspotenzial hat. Fernando Peláez von der Bank Sarasin etwa meint, Anleger sollten mit dem Einstieg abwarten, bis die Regierung Wirtschaftsreformen verabschiedet hätte und diese Früchte trügen. So müssten die Politiker zum Beispiel sicherstellen, dass ausländische Gesellschaften auf dem bislang noch abgeschotteten Markt aktiv sein könnten. Und Ian Burden, Chief Investment Officer bei Invesco Japan, warnt, der Ausblick für die kommenden Monate sei noch unklar.

Allerdings mehren sich optimistische Stimmen. So betont Merrill Lynch, die Wirtschaftsreformen stünden an oberster Stelle auf der politischen Agenda - auch wenn Fondsmanager Hiroshi Tateda betont, kurzfristig werde der Markt schwankungsanfällig bleiben. "Im Vergleich zur Vergangenheit und anderen Märkten sind die Titel aber preiswert", schreiben die Banker in einem Börsenkommentar.

DWS-Fondsmanagerin Lilian Haag zufolge stehen die Börsenaussichten für Japan in zwei Fällen gut: wenn sich die globale Wirtschaft erholt - das käme dann insbesondere den exportorientierten Aktien zu Gute- oder wenn sich das Problem mit den Not leidenden Krediten der Banken lösen ließe.

Die 1999 für die Banken gegründete Auffanggesellschaft RCC habe den Banken bereits einen geringen Teil der faulen Kredite abgekauft, besitze für eine Ablösung aller Kredite aber zu wenig Finanzmittel. Tendenziell sei es für die Börse positiv, wenn die RCC die Kredite aufkaufen würde - die Banken stiegen dann, ebenso der Gesamtmarkt. Denkbar wäre auch eine Verstaatlichung der Banken, die zwar längerfristig der Börse helfen würde, aber für die Aktionäre der Banken mit massiven Verlusten verbunden sein dürfte. Eine globale Erholung könnte den Markt bis Ende nächsten Jahres um 15 bis 20 Prozent nach oben ziehen, eine Lösung der Bankenprobleme mit Hilfe der RCC könnte ein Plus von 20 Prozent bringen, sagt Haag. Verstaatlichungen dürften zunächst Schocks, dann eine starke Erholung auslösen.

DIT-Fondsmanager Andreas Frenzel rechnet mit einer Erholung der Wirtschaft in den USA im zweiten Halbjahr 2002 und daher auch mit einer Erholung in Japan innerhalb der kommenden 12 bis 18 Monate. Er sieht den Nikkei-225-Index bei 13 500 Punkten auf Sicht der nächsten zwölf Monate. Danach könnte die Wirtschaft wegen der hausgemachten Finanzprobleme aber wieder zurückfallen, warnt er.

An einzelnen Aktien empfiehlt Frenzen die niedrig bewerteten Toyota, zumal das Unternehmen gute Ergebnisse vorzuweisen habe. NEC lobt er wegen der breiten Aufstellung - daher zieht er den Wert auch Sony vor, trotz der Risiken im Halbleiterbereich. Ferner gehören zu seinen Favoriten NTT Docomo und Finanzdienstleister Nomura. An Banken sollten sich nur risikofreudige Trader herantrauen, die auf eine technische Gegenbewegung zu dem derzeitigen Abschlag von etwa 40 Prozent gegenüber dem Gesamtmarkt setzen.

Zu den Favoriten der Londoner Japan-Experten der Commerzbank, Chris Rigg und Michael Mullane, zählen Toyota und Nomura. Die Titel des Finanzdienstleisters bewegten sich ähnlich wie der Index, dürften also von einer Erholung stark profitieren.

Haag rät, derzeit "nur Qualität zu kaufen", also Titel mit solider Bilanz, positivem Cash-Flow, gutem Geschäftsmodell, die kaum oder nicht verschuldet seien. Dazu zählt sie Honda, Nintendo, Fanuc und Takeda Chemical. Mutige Privatanleger könnten sich am MSCI-World-Index orientieren und zehn Prozent des Depots in Japan investieren, sonst rät Haag zu einer Obergrenze von fünf Prozent. Rückschläge sollten Investoren zum Einstieg nutzen. Doch Anleger sind gut beraten zu bedenken: Momentan sollte nur in Japan investieren, wer starke Nerven hat und Verluste verkraften kann.

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