Schwieriger Balanceakt
Analysten sehen kein Zeichen für Wirtschaftserholung in Japan

Ein Ende der wirtschaftlichen Krise in Japan ist Analysten zufolge nach den jüngsten Konjunkturdaten vom Dienstag nicht abzusehen.

Reuters Tokio. Dass sich sowohl die Industrieproduktion als auch die Arbeitslosigkeit im April neuen Negativrekorden näherten, weist nach Ansicht von Volkswirten auf den schwierigen Balanceakt hin, den die neue Regierung in ihrer Wirtschaftspolitik vollziehen muss.

Ministerpräsident Junichiro Koizumi hat angekündigt, die angeschlagene Wirtschaft des Landes zu reformieren und die Möglichkeit einer höheren Verschuldung begrenzt. Angesichts dieser Pläne halten es Analysten für extrem schwierig, negative Folgen für Wachstum und Arbeitsmarkt vermeiden zu können. Regierungsvertreter äußerten sich weniger pessimistisch.

Die Industrieproduktion in Japan ging nach Angaben des Tokioter Wirtschaftsministeriums im April 2001 gegenüber dem Vormonat um 1,7 Prozent zurück. Von Reuters befragte Analysten hatten im Durchschnitt lediglich mit einer Abnahme des Produktionsvolumens um 1,0 Prozent gerechnet. Die Arbeitslosenquote lag im April bei 4,8 Prozent nach 4,7 Prozent im März. Damit blieb die Quote nur knapp unter dem Minusrekord von 4,9 Prozent im Dezember 2000 und im Januar 2001.

Teilweise zeichneten Volkswirte ein düsteres Bild der Zukunftsaussichten für die japanische Wirtschaft. "Ich bin sehr pessimistisch über die Zukunft der japanischen Wirtschaft", sagte Kazuhiko Ogata von HSBC Securities in Tokio. Die Zentralbank (BoJ) habe keine Möglichkeit, die Zinsen weiter zu senken, die Regierung strebe Disziplin bei den öffentlichen Ausgaben an und die US-Wirtschaft habe keine Erholungstendenzen signalisiert. "Ich glaube, es gibt wenig Hoffnung, dass die japanische Wirtschaft bald auf die Beine kommt", sagte Ogata. Die BoJ war angesichts deflationärer Preisentwicklungen bereits im März zu einer faktischen Nullzinspolitik zurückgekehrt.

Der japanische Wirtschaftsminister Heizo Takenaka bezeichnete die Produktionsdaten als nicht überraschend und fügte hinzu, die Regierung müsse weitere Entwicklungen der Wirtschaft sorgfältig beobachten. "Es war keine Überraschung in den April-Produktionszahlen. Sie unterstreichen einen schwachen Trend der japanischen Wirtschaft, die von der Schwäche der US-Wirtschaft angesteckt wurde", sagte Takenaka.

Trotz der negativen Zahlen und Analystenstimmen, deutete Finanzminister Masajuro Shiokawa an, die Begrenzung der japanischen Schulden durch eine Reihe einschneidender Haushaltsmaßnahmen durchsetzen zu wollen. Shiokawa sagte bei einer Pressekonferenz, er wolle den Haushalt des im kommenden April beginnenden Steuerjahres um ein Prozent kürzen.

Analysten begründeten den Rückgang der Industrieproduktion mit einer nachlassenden Nachfrage der wichtigsten japanischen Exportmärkte. Neben geringeren Aufträgen aus den USA und den asiatischen Nachbarländern habe aber auch die Binnennachfrage abgenommen. Dem entsprachen auch die Zahlen zu den Lagerbeständen im April, die ebenfalls am Dienstag veröffentlicht wurden. Danach nahmen die Lagerstände zum Vormonat um 2,1 Prozent zu und erzielten so ihr größtes Wachstum seit April 1997. "Die Lagerbestände beginnen, rasch zuzunehmen, was bedeutet, dass das Nachlassen der Nachfrage steiler war als vorhergesagt wurde", sagte Minako Iida von Deutsche Securities in Tokio.

Die Reformpläne Koizumis werden nach Experteneinschätzung zu höheren Arbeitslosenquoten führen, da zahlreiche Unternehmen überbesetzt seien. Erst am Montag hatte zum Beispiel der Lastwagenhersteller Isuzu Motors Ltd. angekündigt, sich in den kommenden drei Jahren 9.700 Arbeitsplätze zu streichen und sich damit von rund 26 Prozent seiner Mitarbeiter zu trennen. Für Analysten ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Arbeitslosenquote über fünf Prozent klettert. Eine wachsende Unsicherheit bezüglich des Arbeitsplatzes, der in Japan bislang meist als Stellung auf Lebenszeit galt, sorgt Analysten zufolge für ein schwindendes Verbrauchervertrauen.

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