Schwierigkeiten bei der Imagepflege
Elvis Niedergang war traurig und einsam

Nein, Elvis lebt nicht mehr. Aber so viel ist sicher: Der "King of Rock'n'Roll" ist der erfolgreichste Tote, den uns die Unterhaltungsindustrie jemals präsentiert hat.

HB MEMPHIS. Für die Fans, die jetzt wieder in Heerscharen zu Gedenkfeiern nach Memphis gepilgert sind, war sein trauriges einsames Dahinscheiden vor einem Vierteljahrhundert sowieso nur der Auftakt für einen posthumen Starkult, der weltweit seinesgleichen sucht.

Rechtzeitig vor dem 25. Todestag am 16. August hat der King seinen Thron aus den 50er und 60er Jahren an der Spitze der Hitparaden zurückverlangt und glatt bekommen. Die von Discjockey JXL neu gemixte Elvis-Single "A Little Less Conversation" eroberte fast überall die Spitzenplätze der Charts. Auch das feiern sie, die Tausenden, die zur Elvis Week in Memphis (Tennessee) aus aller Welt eingeflogen sind.

Einsam wie ein Ausgestoßener

Sie ziehen am Grab ihres Idols im Park der Villa Graceland vorbei. Sie halten Totenwachen bei Kerzenlicht. Sie werden beim großen Gedächtniskonzert am Todestag 30 Musikern und Background-Sängern lauschen, die den King einst in verschiedenen Bands begleitet haben. Priscilla Presley, 1973 von ihm geschieden, und die Tochter Lisa Marie werden die Fans am Mississippi-Ufer anfeuern. Fast überall in der Welt, natürlich auch in Deutschland, wird es Elvis-Partys geben. Allein in den USA huldigen mehr als 500 Fanclubs ihrem König.

Dabei starb der Mann, der mit seiner unverkennbaren Rhythm-and- Blues-Stimme die Rock'n'Roll-Rebellion voran trieb, der mit seinem Schmollmund, seinem Schlafzimmerblick und erst recht mit seinen suggestiven Hüftbewegungen die jugendlichen Massen in Ekstase versetzte, einsam wie ein Ausgestoßener. "Are You Lonesome Tonight?" Die Frage hätte der 42-Jährige in seiner letzten Nacht jederzeit mit "Yes" beantworten können. Wieder einmal hatte er versucht, die Verzweiflung über sein aufgedunsenes Gesicht und seinen verfetteten Körper, der längst keine geilen Hüftschwünge mehr mitmachte, und die Angst vor dem nächsten Live-Auftritt mit Medikamenten zu ersticken.

Verkaufszahlen schossen raketenartig in die Höhe

Erst um 14.30 Uhr fand man den leblosen König vor seinem Badezimmer - die Zunge zerbissen, die Augen verdreht. "Plötzliches Herzversagen", befand der ärztliche Leichenbeschauer. "Der Tod raubt die Krone des Rock'n'Roll" titelte am nächsten Morgen die örtliche Zeitung "The Commercial Appeal". Raketenartig schossen die Verkaufszahlen für sämtliche verfügbaren Elvis-Platten in die Höhe. Und Priscilla, die Mutter der Haupterbin aller Elvis-Rechte, überlegte, wie man die Nachfrage noch lange auf hohem Niveau hält.

Das ist die wichtigste Aufgabe des Unternehmens Elvis Presley Enterprises (EPE). Mit Priscilla an der Spitze und mit potenten Medienkonzernen als Partner wird Elvis Presley nun schon ein Vierteljahrhundert über seinen Tod hinaus vermarktet. Seine Karriere vom singenden Lastwagenfahrer, der in einer armen irischen Familie in Tupelo (Mississippi) aufwuchs, bis zur übergroßen Ikone der Rockmusik hatte zwei Jahre weniger gedauert. Allein in den vergangenen zehn Jahren gingen 50 Millionen Elvis-Scheiben über die Ladentische. Mit insgesamt mehr als einer Milliarde Alben und Singles ist Presley der meistverkaufte Musiker der Welt.

Elvis griff "schwarze" Musikideen auf

Mit scharfen Augen achten die Nachlassverwerter darauf, dass das Image ihrer - aus der Marketing-Perspektive - rechtzeitig gestorbenen Kult-Figur nicht beschädigt wird. Wo immer sie können, verhindern sie die Vorführung der Filmaufnahmen vom letzten Live-Konzert im Juni 1977. Da ist ein fetter Stern im freien Fall zu sehen, ein Elvis am Ende, der Songs abbricht, weil ihm der Text nicht mehr einfällt. Und wenn findige Kleinunternehmer, wie vor etlichen Jahren geschehen, eine Form auf den Markt bringen, in der Kürbisse zu Elvis-Köpfen reifen, werden sie von Lizenzanwälten zum Rückzug gezwungen.

Solcherart Imagepflege ist es nicht zu danken, dass Elvis bis heute spürbar Einfluss auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen in Amerika ausübt. Bevor er zur Karikatur seiner selbst wurde, war er der angehimmelte Rebell einer Jugend, die sich von den Zwängen der weißen Mittelschicht befreien wollte. Elvis hat die elektrisierende Erotik und Lebenskraft im Blues und Rhythmus der Schwarzen in den Südstaaten über die Rassengrenze getragen. Als netter weißer Bursche griff er «schwarze» Musikideen auf und machte sie hoffähig.

Der "King" war ein großer Patriot

Wortführer des weißen Überlegenheitswahns feindeten ihn dafür an. Kein Wunder, dass heute der erfolgreiche weiße Rapper Eminem mit seinem Song "Without Me" daran erinnert: "Ich bin zwar nicht der einzige King der Kontroverse, aber ich bin das schlimmste Ding seit Elvis Presley. So selbstsüchtig schwarze Musik zu machen, und sie zu benutzen, um mich reich zu machen."

Diese Seite des Kings spielt bei der Imagepflege keine Rolle. Die setzt auf den Mainstream, und sie ist zugleich erstaunlich flexibel. So wird wieder verstärkt an Presleys Militärzeit 1958 bis 1960 erinnert, die er zum größten Teil in Deutschland verbrachte. Der Musikfilm "G.I. Blues" - einer von mehr als 30 Presley-Streifen - mit Elvis in Uniform spielte schon im Januar bei der offiziellen Fete zu seinem 67. Geburtstag in einem Ballsaal in den US-Nationalfarben rot, weiß und blau eine prominente Rolle. Nach den Terrorangriffen am 11. September sei das mehr als angebracht, meinte EPE-Sprecher Todd Morgan. "Schließlich war Elvis ein großer Patriot."

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