"Schwindende Mobilisierungskraft"
Forscher sieht militanten Islamisums niedergehen

Niemals zuvor in der neueren Zeit ist der Islam in der Weltöffentlichkeit und der Wissenschaft so breit und intensiv ein Thema geworden wie nach den Attentaten am 11. September 2001 in New York und Washington. Einschätzungen und Bewertungen sind dabei äußerst unterschiedlich.

HB/dpa HAMBURG. Eines aber wird sehr deutlich: Zwischen Islam und Islamismus sowie auch zwischen gewaltbereitem und nicht gewaltbereitem Islamismus muss sorgfältig unterschieden werden. Islamismus ist der Ende des vergangenen Jahrhunderts geprägte Überbegriff für verschiedene ideogische Strömungen. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede.

Der Geschichte dieses vor einem Vierteljahrhundert vor allem infolge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstandenen Phänomens hat der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel eine detailreiche Arbeit gewidmet. Sie liegt jetzt mit dem Titel "Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus" auch in deutscher Ausgabe vor. Kepel hatte sich hier schon vorher, unter anderem mit seinem Buch "Die Rache Gottes" (1994), als Experte erwiesen. Das jetzige Fazit: Die Expansion des militanten Islamismus mit seinen Vorstellungen und Absichten eines Dschihad, eines gerechten Heiligen Krieges gegen die Feinde Allahs, hat ihren Höhepunkt überschritten.

"Lange Reihe von Misserfolgen"

Kepel sieht die Attentate in den USA vor dem Hintergrund einer von ihm konstatierten schwindenden Mobilisierungskraft des Islamismus. Dessen Konzepte waren einmal von Südostasien bis Nordafrika für viele Muslime äußerst attraktiv. So gesehen wären die Anschläge der Versuch gewesen, den Prozess des Niedergangs durch einen spektakulären Anschlag auf ein Symbol des sich ausbreitenden westlichen Materialismus aufzuhalten. Der Franzose vergleicht ihn mit mit dem vergeblichen Versuch einiger extremistischer Gruppen vor zwanzig Jahren, durch Terrorakte dem Niedergang der kommunistischen Ideologie Einhalt zu gebieten - unter ihnen die Rote-Armee-Fraktion in Deutschland und die Roten Brigaden in Italien.

Kepel registriert in seiner Analyse eine lange Reihe von Misserfolgen der islamistischen Bewegung. Das symbolisch frappierendste Beispiel einer "Trendwende, die von nun an mit großem Nachdruck betrieben werden dürfte", ist für ihn Iran. 1979 hatte der Islamismus mit der iranischen Revolution seinen ersten großen Sieg errungen.

Auf der Suche nach neuen Wegen

Zwanzig Jahre nach Ausrufung der "Islamischen Republik Iran" leidet dort die erwachsen werdende Generation "unter massiver Arbeitslosigkeit, einer repressiven Moral und einer starren Gesellschaftsordnung", wie Kepel feststellt. So sprach sie sich denn bei den Präsidentschaftswahlen 1997 klar für Mohammed Chatami aus, den "Kandidaten der Veränderung". Bei den Parlamentswahlen drei Jahre später wurde der überwältigende Sieg der Reformer als ein deutliches Votum der iranischen Gesellschaft gegen die einmal von Ayatollah Khomeini etablierte soziale und moralische Ordung interpretiert.

Es finden sich weitere Beispiele in den meisten Ländern, in denen es früher einmal starke islamistische Bewegungen gab. Auf der Suche nach neuen Wegen wird auch die Achtung der Menschenrechte einbezogen sowie das Bemühen um eine muslimische Form der Demokratie - "ein westlicher Begriff, der in islamistischen Kreisen noch bis vor kurzem verfemt war", wie der Autor anmerkt. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatten die hellsten Köpfe unter den Islamisten zu begreifen begonnen, "dass die politische Ideologie die Bewegung überall in eine Sackgasse geführt hatte."

Streben nach Demokratie

Unter den von Kepel genannten Beispielen sind Ägypten und Algerien, wo Mitte der 90er Jahre die terroristische Gewalttätigkeit außer Kontrolle geriet. Sie schreckte selbst diejenigen Bevölkerungsgruppen ab, die zu Beginn des Jahrzehnts mit dem Islamismus sympathisiert hatten. Verwiesen wird ferner auf politisches und wirtschaftliches Scheitern nach den Machtübernahmen in Sudan und in Afghanistan. In Indonesien wurde nach dem Sturz des Diktators Suharto, der sich mit der islamistischen Intelligenzia arrangiert hatte, ein Gegner religiösen Einflusses im Staat zum Präsidenten gewählt. In Pakistan wurde Premierminister Nawas Scharif, Förderer der islamistischen Bewegung, von einem General gestürzt, der sich auf Kemal Atatürk beruft, den einstigen Reformer in der Türkei.

Der Islamismus ist nach dem Befund des französischen Wissenschaftlers mittlerweile weder darauf erpicht darauf noch dazu in der Lage, seine Sprachregelungen gegen einen universellen Sprachgebrauch durchzusetzen. "Im Gegenteil, zu Beginn des 21. Jahrhunderts bemühen sich die islamistischen Bewegungen und Parteien um Anerkennung als Demokraten und verurteilen die Repression, der sie ausgesetzt sind. Sie berufen sich dabei auf die allgemeinen Menschenrechte - auf eben jene Werte, die gestern noch als Ausdruck westlicher Gottlosigkeit verunglimpft wurden."

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