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Schwitzen für den Klimaschutz

Die schwüle Hitze des japanischen Sommers kündigt sich langsam in den Straßen Tokios an, lässt ahnen, wie die hohe Luftfeuchtigkeit nach dem Ende der Regenzeit so manchen Tag im Juli, August und September zur Qual werden lassen wird.

Die schwüle Hitze des japanischen Sommers kündigt sich langsam in den Straßen Tokios an, lässt ahnen, wie die hohe Luftfeuchtigkeit nach dem Ende der Regenzeit so manchen Tag im Juli, August und September zur Qual werden lassen wird. Kein Wunder, dass sich viele Japaner ein Leben ohne Klimaanlage nicht vorstellen können - ob im Auto, im Zug, zu Hause oder im Büro.

Doch in diesem Jahr sollen sie sparsamer damit umgehen. Die japanische Regierung ruft offiziell dazu auf, die Klimaanlagen auf höhere Temperaturen einzustellen - und stattdessen auf Anzug und Krawatte zu verzichten. So sollen die Emissionen doch noch wie im Kyoto-Protokoll versprochen gesenkt werden. Wäre ja peinlich, wenn das Gastgeberland des Kyoto-Protokolls seine Klimaziele so weit verfehlt wie es derzeit scheint. Denn die japanischen Privathaushalte und Büros haben ihre Emissionen im Gegensatz zur Industrie seit 1990 um ein Drittel gesteigert anstatt sie zu senken. Ein Hauptgrund: Mehr Klimaanlagen in den Gebäuden.

Medienträchtig zeigte sich Ministerpräsident Junichiro Koizumi gestern im kurzärmeligen Hemd im Ethno-Stil der südlichen Okinawa-Inseln, um den legeren japanischen Arbeitssommer einzuleiten. "Es ist so bequem ohne Krawatte", meinte er lächelnd in die Kameras. Für Staatsgäste will er sich zwar weiter voll in Schale werfen, aber ansonsten habe er sich schon mehrere Okinawa-Hemden gekauft, um die höheren Temperaturen für den Klimaschutz besser auszuhalten.

Auch Chefkabinettssekretär Hiroyuki Hosoda beließ es heute beim hellblauen Sporthemd. Das Parlament hat sich der Initiative der Regierung angeschlossen. Angeordnete und Mitarbeiter müssen nun bis Ende September 28 Grad in ihren Räumen aushalten statt 26 Grad sonst, dürfen aber dafür in legererer Kleidung arbeiten. Nur im Plenarsitzungssaal sollen Anzug und Krawatte weiter getragen werden, um die "Würde" des Hauses zu wahren. Der Wirtschaftsverband Keidanren denkt noch darüber nach, was er seinen Mitgliedern empfehlen soll.

Ob sich die Initiative durchsetzt, bleibt abzuwarten. Auch gestern legten nicht alle Minister ihre Anzugsjacken ab. Und wenn der Chef nicht mitmacht, tragen auch die Untergebenen ihr Jackett, egal wie warm es in ihren Büroräumen und auf den Fluren ist. "Gaman suru" heißt es dann, "die Zähne zusammenbeißen und durchhalten". Und für andere gehört der Anzug einfach zur Arbeit wie die Miso-Suppe zum Reis.

Daran ist eine ähnliche Kampagne des Umweltministeriums im vergangenen Jahr gescheitert. Und auch die schicken kurzärmeligen Anzüge, die offiziell vorgeschlagen schon vor 26 Jahren für einen angenehmeren Sommer sorgen sollten, haben sich nicht durchgesetzt. Warten wir ab, wie viele Manager und Politiker in zwei Monaten in Okinawa-Hemden herumlaufen - und ob dadurch die Japaner wirklich etwas bewusster mit der Klimaanlage umgehen, denn die meisten denken trotz der hohen Stromkosten nicht im Traum daran, sich hier einzuschränken - egal, was sie tragen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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