Scopeware: Neue Bedienphilosophie für PC
Benutzeroberflächen: Tod der Tupperware

Die Bedienphilosophie des PC ist fast 20 Jahre alt. Höchste Zeit für eine neue, sagt ein US-Professor aus Yale. Wenn es nach ihm geht, suchen sich Dateien eines Tages ihren Rechner selbst aus - und stapelt sie nicht wie Tupperware-Dosen ineinander.

WiWo/HANNOVER. Anklicken, öffnen, betrachten, schließen. Anklicken, öffnen, betrachten, schließen. Wer mit einem Windows-PC oder Macintosh-Computer arbeitet, dem sind diese Aktionen auf der einem Schreibtisch nachempfundenen Benutzeroberfläche nur zu vertraut. Hunderte Male pro Arbeitstag klicken viele Büroarbeiter kleine Symbole auf ihrem Bildschirm an, speichern Texte und Tabellen in Ordnern, tippen Dateinamen ein.

Dem Informatikprofessor David Gelernter von der amerikanischen Eliteuniversität Yale ist das Ordnungssystem der PC-Welt bestens vertraut - aber er möchte es schnellstens vergessen. Das Prinzip Desktop (Schreibtisch) nämlich sei völlig veraltet, urteilt der Wissenschaftler und "für die Nutzung von Computern einfach inadäquat".

Tatsächlich wurde das Desktop-Konzept schon in den frühen Siebzigerjahren im Palo Alto Research Center (Parc) von Entwicklern des Bürogeräteherstellers Xerox erdacht. Für PCs war es eigentlich nie vorgesehen. Trotzdem wurde es ab 1984 zu einem massenhaften Erfolg, als Apple-Gründer Steve Jobs es für die ersten Macintosh-Rechner abkupferte.

Auf zahllose kleine Behälter verteilt

Die frühen Macs allerdings hatten keine Festplatte, sondern nur simple Diskettenspeicher für ganze 800 Kilobyte. Heutige PCs hingegen nutzen noch immer das Desktop-Konzept, um rund eine Million mal größere Datenmengen in genau den gleichen Verzeichnissen und Ordnern zu lagern. Hinzu kommen die buchstäblich grenzenlosen Kapazitäten des World Wide Web. Das Ergebnis? "Ein Datenmanagement im Tupperware-Stil", spottet Gelernter. "Alle unsere Dokumente sind auf zahllose kleine Behälter verteilt."

Mehrstufige Klappmenüs, die kaum noch zu überblicken sind. Riesige Hierarchiebäume von Verzeichnissen mit verwirrenden Namen. Elektronische Lesezeichen, die zu lang sind, um favorisierte Stellen wieder zu finden. "Kaum noch jemand findet im richtigen Moment sofort die benötigte Information", schimpft Gelernter. Wir müssen unsere Computer durchsuchen, so wie Bürogehilfen in den Vierzigerjahren Aktenschränke durchsucht haben."

Über zehn Jahre schon dauert Gelernters Kreuzzug gegen das Bedienkonzept, das sich, seit von Microsoft in Windows übernommen, auf praktisch allen PCs festgesetzt hat. Dazu hat Gelernter in New Haven, Neuengland, unweit des Yale-Campus die Firma Mirror Worlds gegründet. Seit dem vergangenen Jahr horcht die Computerbranche auf: Mirrorworlds führte mit dem Programm Scopeware erstmals Gelernters neue Bedienphilosophie vor.

Chronik eines Arbeitstages

Die Software arrangiert alle elektronischen Dokumente automatisch in chronologischer Reihenfolge auf dem Bildschirm. Die jüngsten und zuletzt benutzten Dateien stehen etwas vergrößert im Vordergrund, ältere Dokumente perspektivisch verkleinert dahinter. Dateien aus verschiedenen Softwareanwendungen - egal ob Texte, Tabellen, Fotos oder E-Mails - werden im gleichen Fenster angezeigt. Beim Berühren eines Dokuments mit der Maus erscheint rechts am Schirm ein kleines Guckfenster mit Zusammenfassung und Abbildung.

Neu an Scopeware ist nicht nur die andere Anordnung der Datei-Ikonen. Das Programm sortiert alle jemals vom Benutzer erstellten oder erhaltenen Dokumente in eine überschaubaren, zeitlich geordneten horizontalen Kartenstapel. Ohne Dateinamen oder Ordner anzulegen sucht die Software auf Stichwort zusammengehörige Dokumente und zeigt sie als separaten Zeitstrahl an.

Eine Suche auf der Web-Seite von Mirror Worlds (www.mirrorworlds.com) nach dem Stichwort "Gelernter" etwa ergibt einen Strahl von zirka 80 digitalen Karteikarten: Artikel auf Web-Seiten über den Forscher, seine eigenen Thesenpapiere, Pressemitteilungen - sogar E-Mails, die er erhalten und beantwortet hat.

Die ältesten Dokumente liegen, wie erwartet, hinten, die neuesten vorn. Das Gefühl für zeitliche Abfolgen, glaubt Gelernter, sei des Menschen stärktes Ordnungsprinzip und wesentlich nützlicher als jede andere Organisationsform. Der Desktop, die Schreibtisch-Metapher auf dem Bildschirm soll daher einer Art Tagebuch Platz machen. Der Computer soll nicht nur elektronisches Archiv sein, sondern selbst zum Chronisten und Archivar werden.

Falsche Annahmen über Computernutzung

Das erhoffen sich auch andere Computerforscher vom PC und pflichten Gelernter bei: "Die Desktop-Metapher geht von falschen Annahmen über die Computernutzung aus", kritisiert der Psychologieprofessor Don Norman, ein gefürchteter Kritiker des modernen Computerdesigns. "Es wird Zeit, dass sie abgeschafft wird."

Das ist leichter gesagt als getan. Schon mehrere Startups und zahlreiche Universitäten haben sich an Alternativen zur derzeitigen Windows- oder Macintosh-Oberfläche versucht. Auch Computerriesen wie IBM und Microsoft suchen nach neuen Ideen für die Informationsverwaltung. Mit Steve Jobs' Geniestreich der ersten grafischen Benutzeroberfläche und Microsofts fast ebenso genialer Adaption zur massenhaften Vermarktung ist der Desktop aber fast schon ein integraler Bestandteil unseres Verständnisses vom PC. Viele Experten sehen daher in seiner Ablösung eine gewaltige, vielleicht unüberwindliche Aufgabe. Als Metaphern, die den Kampf mit dem Schreibtisch aufnehmen sollen, dienen unter anderem das Buch und der Film.

Andere Modelle versuchen dreidimensional, das räumliche Gedächtnis des Menschen zu nutzen. Mit Ausnahme von Scopeware haben neue Ansätze aber bisher kaum den Weg aus den Labors geschafft. Microsoft etwa experimentiert mit dem 3D-Modell eines Data Mountain, der Objekte je nach Wichtigkeit eines Dokuments höher oder tiefer platziert. Doch selbst beim Marktführer für Desktop-Software scheitern Versuche mit dem räumlichen Eindruck auf dem Schirm noch an der schwierigen Umgewöhnung.

Im kalifornischen Santa Clara bastelt das Startup Inxight, ein Spin-off von Xerox, an der Weiterentwicklung von Startree, einer fast zehn Jahre alten Idee des Xerox Parc. Dabei werden die Ikonen in Form eines gewölbten Globus angeordnet, der sich mit der Maus drehen und wenden lässt. Inzwischen glaubt Inxight-Chef Ramana Rao, dass Startree eher als Ergänzung denn als Ersatz für ein herkömmliches Windows-System reüssieren könnte. Egal, Interessenten bleiben bisher sowieso aus.

"Der Dateiordner muss sterben"

Von prinzipiellen Schwierigkeiten, Neues auszuprobieren, berichtet auch Dan Russell, Forschungsdirektor in IBMs Almaden Research Center in San José: "Wir wollten Probanden finden, die keine Dateiordner kennen und nicht wissen, wie man Dateien öffnet oder löscht - aber wir fanden keine. Da wird es schwierig, die Erwartungen der Benutzer, wie ein Computer funktionieren sollte, zu beeinflussen."

Dies alles schreckt Gelernter jedoch nicht ab. Er steht zu seiner Kampflosung: "Der Dateiordner muss sterben." Es müsse jedoch nicht unbedingt sein eigenes Produkt Scopeware sein, das den Desktop besiegt, sagt der Professor und Unternehmer. Wichtig sei ihm, das Konzept der chronologischen Ordnung zu etablieren.

Aufgeben ist ohnehin nicht Gelernters Sache. Er hat sich den Ruf eines der angesehensten Erforscher von künstlicher Intelligenz und Wissensmanagement erarbeitet. Mit seiner Theorie der verteilten Systeme gab er Anfang der Neunzigerjahre den Anstoß zur Entwicklung von Peer-to-peer-Netzen und beflügelte den Informatiker Tim Berners-Lee in dessen Grundkonzepten zum World Wide Web.

Gelernter wurde als einer der einflussreichsten Informatiker gefeiert. Dann erhielt er 1993 eine Briefbombe von Theodore Kaczynski, einem geisteskranken Terroristen, der als der "Unabomber" in Amerika Aufsehen erregte. Lebensgefährlich verletzt verbrachte der Yale-Wissenschaftler über zwei Jahre in Kliniken und Reha-Kuren. Während seiner Genesung verarbeitete er seine Erfahrung mit dem Terrorismus in dem Buch "Surviving the Unabomber".

Jetzt aber, sagt der 46-Jährige, wolle er die Opferrolle für immer vergessen. In seinem Manifest "The Second Coming" beschreibt Gelernter, mit welchen Annehmlichkeiten Computeranwender noch rechnen können, sobald die Herrschaft des Desktop überwunden ist. Benutzer sollen künftig nicht mehr mit dem Betriebssystem ihres Computers in Berührung kommen müssen, sondern Informationen direkt in griffigen, leicht zugänglichen Dokumenten bearbeiten. Auch werden Informationsstrukturen, wie etwa die heutigen Dateisysteme nicht mehr direkt an einen einzelnen Computer gebunden sein. Sie sollen vielmehr komplett auf andere Systeme übertragbar sein - vom Handheld bis zum Bordcomputer im Auto - und werden sich den optimalen Verarbeitungsort aus einer Wolke von vernetzten Rechnern selbst aussuchen.

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