Sechs Firmen zogen vor Gericht
Börse startet umstrittene Rauswurf-Aktion

Für einige der verglühten Börsenstars, an denen sich Anleger kräftig die Finger verbrannten, tickt vom Montag an die Uhr. Unternehmen mit Billigaktien unter einem Euro (Penny Stocks) sowie Pleite-Firmen droht in den kommenden Monaten der Rauswurf.

dpa-afx FRANKFURT. "Die neuen Regeln treten am 1. Oktober in Kraft", sagt Börsensprecher Walter Allwicher. Wackelkandidaten stehen künftig unter Beobachtung. Die ersten wehren sich.

Sechs Firmen, zuletzt die Stuttgarter Heiler Software AG, zogen in Frankfurt vor Gericht. Einigen wie der Berliner Foris AG räumten die Richter eine verlängerte Karenzzeit ein. Für sie gelten die neuen Regeln, die vom Gericht nicht gekippt wurden, erst in sechs Monaten. "Wer eine längere Frist will, muss klagen. Das kann es eigentlich nicht sein", moniert Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre "die starre Haltung der Börse". Grundsätzlich hält er die Rauswurf-Regeln aber für notwendig. "Aktionärsschützer haben sie seit langem gefordert."

Verbannung zur Image-Verbesserung des Neuen Marktes

Mit der Verbannung angeschlagener Gesellschaften vom Kurszettel soll das ramponierte Image des Neuen Marktes aufpoliert und verloren gegangenes Anleger-Vertrauen zurück erobert werden. Derzeit dominieren die Schlagworte "Milliardengrab" oder "Zocker- und Skandalbörse". Viereinhalb Jahre nach dem umjubelten Start will die Börse das angekratzte Profil des Neuen Marktes als Wachstumssegment schärfen. "Unternehmen mit geringem Börsenwert und insolvente Unternehmen sind keine Wachstumswerte", begründete Börsenvorstand Volker Potthoff den Kehraus. Dünn wird die Luft für jene, deren Aktienkurs an 30 aufeinander folgenden Tagen unter einem Euro liegt. Gleichzeitig darf die Marktkapitalisierung (Kurs multipliziert mit der Zahl der Aktien) nicht unter 20 Millionen Euro (39 Mio DM) fallen. Treten beide Kriterien auf, folgt eine Bewährungsfrist von 90 Tagen. In dieser Zeit müssen die Unternehmen an mindestens 15 Tagen in Folge die wieder Grenzwerte überschreiten. Gelingt das nicht, folgt der Rauswurf aus diesem Börsensegment, der einen Monat später wirksam wird. Neu ist auch, dass Insolvenzanträge wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung gemeldet werden müssen. Auch diese Firmen, derzeit etwa ein Dutzend, verschwinden nach einem Monat von der Liste.

Zahl der Unternehmen könnte deutlich sinken

Die Zahl der derzeit 340 Neue-Markt-Firmen, deren Wert nach dem Kursdebakel von stolzen 250 Milliarden Euro im Mai 2000 auf etwa 35 Milliarden Euro zusammengeschmolzen ist, könnte sich in absehbarer Zeit deutlich verringern. Vor allem, wenn die Ebbe bei Börsengängen anhält. Nur 11 Firmen wagten in diesem Jahr die Neuzulassung am Neuen Markt nach mehr als 130 im Jahr 2000. Zwischen 30 und 50 Unternehmen, schätzen Fachleute, droht aktuell der unfreiwillige Abgang. Und es kommen immer neue hinzu. Jüngster Kandidat ist die Hamburger Multimedia-Agentur Pop AG, -Net die wegen Zahlungsunfähigkeit beim Insolvenz-Richter vorstellig wurde. Aktionärsschützer Straub hat rund 50 Werte ausgemacht, deren Kurs unter einem Euro verharrt, 112 notierten unter zwei Euro und seien damit ebenfalls gefährdet. 60 der einstigen Hoffnungsträger sind an der Börse weniger als 10 Millionen Euro wert. "Die Situation ist schon erschreckend." Anlegern rät er, ihre Engagements zu überprüfen. "Bei vielen Firmen ist das Ende ohnehin absehbar." Möglicherweise aber nicht ihr Börsen-Dasein. Die am Neuen Markt Geschassten können am Geregelten Markt oder im Freiverkehr weiter gehandelt werden.

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