Sechs Fragen an: Prof. Dr. Mario Thevis
„Wer überführt wird, ist nebensächlich“

Ob und wie viele Dopingfälle es bei den Olympischen Spielen geben wird ist nebensächlich, meint Prof. Dr. Mario Thevis. Wichtig sei es, für einen sauberen Sport zu sorgen. Der Doping-Experte an der Sporthochschule in Köln über ein internationales Gefälle bei Dopingkontrollen und die Gefahr von Gendoping.

Herr Professor Thevis, in den vergangenen Tagen und Wochen wurden zahlreiche Spitzensportler des Dopings überführt. Wie bewerten Sie diese Fälle?

Es ist ein Hinweis darauf, dass die Kontrollen besser funktionieren. Und jede Verbesserung des Kontrollsystems ist uneingeschränkt ein Erfolg. Ob und wie viele Leute dabei überführt werden, ist nebensächlich. Es geht uns darum, zu zeigen, dass wir durch die Kontrollen für einen saubereren Sport sorgen. Die Tests sollen zudem helfen, Sportler vom Doping abzubringen. Es ist wichtig, dass den Athleten bewusst ist, dass ihnen die Kontrolleure im Nacken sitzen, dass sie jederzeit getestet werden können. Dann lässt die Versuchung zum Betrug sicherlich nach.

So kurz vor den Spielen entsteht der Eindruck, dass Sie von diesem Ziel noch einiges entfernt sind.

Das sehe ich nicht so. Wir haben auf diesen Effekt gehofft und hingearbeitet. Im Rahmen intelligenter Dopingkontrollen wollen wir erreichen, dass Sportler nicht nur bei den Olympischen Spielen erwischt werden, sondern bereits in der Vorbereitungsphase. Nicht die Skandale sind wichtig, sondern der Erfolg der Tests.

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Jacques Rogge erklärte unlängst, dass er mit 30 bis 40 Dopingfällen bei den Spielen rechnet. Teilen Sie seine Prognose?

Ich denke, es wird wenig positive Fälle geben. Alle Nationen sind daran interessiert, Skandale zu vermeiden. Deshalb wurden im Vorfeld der Spiele betrügende Athleten bereits sanktioniert, was nicht die Dimensionen öffentlicher Aufmerksamkeit bedeutet wie bei den olympischen Spielen. Dort schaut schließlich die ganze Welt zu.

Gibt es ein internationales Gefälle bei den Dopingkontrollen?

Nicht alle Nationen verhalten sich gleich. Dieses Ungleichgewicht ist auch von einzelnen Sportlern beklagt worden. Sie sehen, dass Mitbewerber weniger gut getestet werden und befürchten, dass deren Leistungen eventuell durch Dopingmaßnahmen gesteigert wurden.

Immer häufiger wurde zuletzt die Gefahr von Gendoping beschworen. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

Man muss zunächst differenzieren, Gentherapie und Stammzellinfusion - wie in einem Beitrag der ARD jüngst beschrieben - sind unterschiedliche Themen. Gentherapeutische Ansätze sind nach Ansicht von Experten derzeit nicht verbreitet. Weltweit werden ca. 5 000 Patienten gentherapeutisch betreut. Das sind schwerkranke Patienten. Bei ihnen werden kleine Erfolge erzielt. Wie sich das bei gesunden Athleten verhält, ist noch nicht erwiesen. Aber in Tierversuchen gibt es Hinweise auf leistungssteigernde Effekte.

Lässt sich Gendoping nachweisen?

Die Ansätze zum Nachweis unterscheiden sich von denen der gegenwärtigen Dopingkontrollen. Das Produkt ist körperidentisch und daher schwierig aufzuspüren. Aber man kann das Zustandekommen untersuchen. Verschiedene Möglichkeiten werden gegenwärtig untersucht. Ich bin sicher, dass wir in Zukunft gute Werkzeuge zur Verfügung haben werden.

Das Gespräch führte Tom Mustroph

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